Zur taz vom 24.10.2007,
„Selbstmord als Präzedenzfall“

Irene Nickel

Ungewöhnlicher Vorstoß von Dignitas

Hintergrund:

Beihilfe zur Selbsttötung – keine aktive Sterbehilfe –
wurde von der Schweizer Organisation Dignitas
bislang auch Deutschen angeboten.
120 Deutsche machten im Jahre 2006 davon Gebrauch.

Jetzt aber musste die Wohnung, die dazu benutzt wurde,
nach Protesten von Anwohnern aufgegeben werden.
Ein Grund für Dignitas, nach neuen Wegen zu suchen.
Kann Suizidbegleitung, wie in der Schweiz,
auch in Deutschland angeboten werden?

Um das zu klären, will Dignitas einen Präzedenzfall schaffen.
Die Organisation sucht nach einem Sterbewilligen und Angehörigen,
die bereit sind, dabei mitzumachen.

(nach Angaben der taz vom 24.10.2007)

Dazu mein Kommentar am 25.10.2007 in der digitalen taz:

Meine erste Reaktion kam aus dem Bauch: „Widerlich! Es sollte doch der Sterbewillige nach einem Angebot zur Beihilfe suchen, und nicht der Anbieter von Beihilfe zur Selbsttötung nach einem Sterbewilligen!“

Das war nicht ganz falsch.
Das Prinzip, dass die Initiative vom Sterbewilligen ausgehen sollte,
hat seinen guten Sinn: Niemand sollte zu einer Selbsttötung überredet werden.

Es war aber auch nicht ganz richtig.
Dass es nicht so ist, wie es sein sollte, das liegt ja nicht an Dignitas.
Es liegt an der Situation in Deutschland, wo Patienten gerade dann nicht auf Hilfe von ihren Ärzten hoffen können, wenn es ihnen besonders schlecht geht; wenn sie von so schwerem Leiden betroffen sind, dass ihnen ihr Leben zur sinnlosen Last geworden ist und sie nur noch den Wunsch haben, diesem Leben ein Ende zu setzen. Solange diese Menschen nicht die Möglichkeit bekommen, mit Unterstützung ihrer Ärzte auf zumutbare Weise aus dem Leben zu scheiden, so lange werden Angebote wie das von Dignitas gebraucht.

Nicht nur von den Menschen, die bereits so krank sind, dass sie ihren baldigen Tod herbeisehnen. Auch von den Menschen, deren Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten ist. Bislang konnten diese Menschen getrost am Leben bleiben, solange sie ihr Leben als lebenswert empfanden. Sie konnten sich sagen: „Wenn es so weit ist, dass ich nicht mehr will, kann ich ja zu Dignitas in die Schweiz fahren.“ Jetzt hat Dignitas die Wohnung in der Schweiz verloren, und niemand weiß, wie lange das jetzige Angebot noch steht. Jetzt müssen wieder mehr Patienten Angst davor haben, hilflos ausgeliefert zu sein, wenn ihnen ihr Zustand unerträglich geworden ist. Es steht zu befürchten, dass Menschen von dieser Angst in eine Selbsttötung getrieben werden, die vermeidbar gewesen wäre, hätten sie sich nicht sagen müssen: „Ich muss es tun, solange ich es noch kann.“

Es ist an der Zeit, dass die Verantwortlichen in Politik und Ärzteschaft sich von liebgewordenen Denkgewohnheiten trennen und endlich die Möglichkeit schaffen, dass Ärzte auch in Deutschland unter genau definierten Voraussetzungen Beihilfe zur Selbsttötung leisten dürfen.
 

Anmerkung:

Zur Zeit der Abfassung meines Kommentars war mir nicht bekannt,
was am 7.11.2007 durch die Medien ging:
Auf einem Waldparkplatz bei Zürich
unterstützte Dignitas zwei Deutsche bei der Selbsttötung.

Auch dazu meine ich:
So etwas ist alles andere als optimal –
aber dass es keine besseren Möglichkeiten gibt,
keine Möglichkeiten zur assistierten Selbsttötung auch in Deutschland,
das liegt nicht an Dignitas.

mehr dazu unter
Scheinheilige Klagen über den „Sterbetourismus“

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URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/dignitas_d.htm


   

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