Irene Nickel

Hilfe zum Sterben ist nicht überflüssig

Unter „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ habe ich das Für und Wider in der Diskussion um die Sterbehilfe kurz skizziert.

Hier soll ein bestimmtes Argument im Mittelpunkt stehen, das häufig gegen die Sterbehilfe angeführt wird. Es soll ausführlicher dargestellt werden und eine ausführlichere Erwiderung finden.

Hilfe zum Sterben wäre überflüssig, meinen ihre Gegner. Man müsste nur genug für die Verbesserung der Lebensumstände tun, dann würde niemand sterben wollen.

Mit Hilfe der modernen Palliativmedizin könne man Menschen so von ihren Schmerzen befreien, dass sie nicht mehr den Wunsch hätten, wegen Schmerzen zu sterben. Wenn man zudem eine menschenwürdige Umgebung schaffe, auf die Bedürfnisse der Patienten eingehe und ihnen menschliche Zuwendung gebe, dann müssten sie ihr Leben nicht mehr als „sinnlos“ oder „würdelos“ empfinden.

Erwiderung:

Optimale Schmerztherapie, eine menschenwürdige Umgebung, Eingehen auf Bedürfnisse des Patienten und menschliche Zuwendung, darauf sollte ohnehin jeder Mensch ein Anrecht haben, unabhängig davon, ob er anderenfalls vielleicht den Wunsch entwickeln könnte zu sterben.

Dafür kann man mehr tun, und dafür soll man mehr tun als bisher. Für einige Menschen könnte das bedeuten, dass sie ihr Leben wieder als lebenswert empfinden und nicht mehr sterben wollen. Das wäre ein schöner Erfolg.

Leider kann man jedoch nicht allen Menschen auf diese Weise wirksam helfen. Wo das trotz größter Bemühungen nicht gelingt, da brauchen Menschen das Recht auf Hilfe zum Sterben.

Dies Recht steht keineswegs im Gegensatz zu einem Recht auf Hilfe zu einem – im Rahmen des Möglichen – lebenswerten Leben. Im Gegenteil, die beiden Rechte ergänzen sich: Erst mit beiden zusammen hat der Mensch ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung.

***

Zu einzelnen Problemen und Lösungsvorschlägen

Schmerzen und körperliche Beschwerden

Durch Palliativmedizin kann der Mehrzahl der Schmerzpatienten recht gut geholfen werden. Aber trotzdem gibt es einen kleinen Anteil von Patienten, die auch bei bester medizinischer Versorgung unter unerträglichen Schmerzen leiden; Zahlenangaben darüber bewegen sich bei wenigen Prozent. Das darf nicht dazu verleiten, das Problem für unbedeutend zu halten. Dass ihr Schicksal die Ausnahme ist, nützt den Betroffenen nichts; ihre Schmerzen sind unerträglich.

Ebenso unerträglich können – trotz medizinischer Behandlung – andere körperliche Beschwerden werden: Atemnot, Krämpfe, fortlaufendes Erbrechen, Durchfall, und andere mehr.

Nicht in jedem Fall kann Palliativmedizin das Recht auf Hilfe zum Sterben überflüssig machen.

Seelisches Leiden

Unerträgliche Schmerzen sind nicht der häufigste Grund, wenn Menschen sterben wollen. Nach Erfahrungen des bekannten Arztes Dr. Pieter Admiraal beruht der Wunsch zu sterben in den meisten Fällen darauf, dass Menschen ihr Leben als sinnlos und/oder als würdelos empfinden.

Auch in diesem Fall gilt: Wenn man durch eine menschenwürdige Umgebung, durch menschliche Zuwendung, Takt und Eingehen auf die Bedürfnisse der Patienten erreichen kann, dass sie ihr Leben nicht mehr als sinnlos oder würdelos empfinden, dann ist das ein schöner Erfolg. Aber man kann nicht erwarten, dass das immer gelingt.

Sinn des Lebens

Hilflosigkeit und Einsamkeit können ein Ausmaß annehmen, dass Menschen ihr Leben nicht mehr als sinnvoll empfinden können.

Bis zu einem gewissen Grade kann man etwas dagegen tun. Der Hilflosigkeit kann man entgegenwirken durch Krankengymnastik, Ergotherapie und andere Therapien sowie durch aktivierende Pflege. Hilflosigkeit kann teilweise ausgeglichen werden durch technische und menschliche Hilfsangebote. Hilflosigkeit kann erträglicher gemacht werden durch Unterstützung bei der Suche nach Möglichkeiten, aus den verbliebenen Fähigkeiten etwas zu machen.

Gegen Einsamkeit kann es helfen, wenn die Pflegenden öfter mal Zeit für ein Schwätzchen haben, wenn Veranstaltungen organisiert werden, auf denen Menschen einander kennen lernen können, und wenn die Pflege bestehender Kontakte durch Fahrdienste, Telefon u. ä. unterstützt wird.

Aber derartige Maßnahmen haben Grenzen. Die freundlichste Altenpflegerin kann nicht die Menschen ersetzen, die der Patient geliebt hat. Der geduldigste Zuhörer kann nicht die Gesprächspartner ersetzen, die wirklich gern erfahren möchten, was der Patient zu sagen hat. Die beste Absicht zu helfen kann nicht all das ersetzen, was zwischenmenschlichen Kontakten Bedeutung verleiht: die „gemeinsame Wellenlänge“, die gemeinsamen Anschauungen und Interessen, die gegenseitige Sympathie, die Vertrautheit nach langjähriger Bekanntschaft.

Der Verlust von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten trifft einige Menschen schwer: Sie können nicht mehr wie gewohnt tun und erleben, was ihnen wichtig war und was ihnen Freude machte. Der Suche nach Ersatz sind Grenzen gesetzt. Nicht immer reichen die verbliebenen Fähigkeiten aus für ein Leben, das vom Patienten als sinnvoll erlebt werden kann.

Unter welchen Bedingungen ein Leben als sinnvoll erlebt wird, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es mag Menschen geben, die ihre Freude daran haben, in sonnigen Stunden auf einer Terrasse zu sitzen und den Vögeln zu lauschen, und in der übrigen Zeit eine Fernsehsendung nach der anderen anzusehen. Und es wird Menschen geben, die sich bei einem solchen Leben unsäglich langweilen.

Darum kann es kein objektives Kriterium geben, wann ein Menschenleben als sinnerfüllt zu gelten hat und wann nicht. Maßgeblich muss sein, wie ein Mensch selbst sein eigenes Leben ansieht und empfindet: ob er noch einen Sinn darin sieht oder nicht. Seine Anschauungen und sein Empfinden gilt es zu respektieren.

Würde

Es liegt nicht immer an der Umgebung, wenn Menschen ihr Dasein als entwürdigend empfinden.

Was will man dagegen tun, wenn ein Mensch sich gedemütigt fühlt, wenn er immer wieder unter sich macht und von Fremden abgewischt werden muss? Taktvolles Verhalten der Pflegenden sollte selbstverständlich sein; aber es hilft nicht immer dagegen, dass der Patient selbst ein solches Dasein als unvereinbar mit seinem persönlichen Begriff von Würde empfindet.

Oder wie will man helfen, wenn jemand Entsetzen empfindet angesichts der Vorstellung, er könnte sich seiner Umwelt eines Tages im Zustande fortgeschrittenen geistigen Verfalls präsentieren? An dieser Stelle möchte ich zitieren, wie der bekannte Theologe Professor Hans Küng dies zum Ausdruck gebracht hat:

Zweitens: Ich möchte ebenfalls nicht erleben, was mir ein anderer Arzt ganz freundlich zu meiner Beruhigung gesagt hat: »Sie spüren ja unter Umständen gar nicht mehr, wenn Sie einen fortgeschrittenen Alzheimer haben. Sie können ganz glücklich dabei sein. Wir haben da den Fall eines Professors, der nicht mehr weiß, wer er ist, und jeden Tag sich aus der Klinik entfernt und ganz munter in die Stadt geht; er trägt eine Nummer auf dem Rücken, seine Telefonnummer; er geht dann in eine Bar und kommt nach ein paar Stunden wieder fidel zurück.«
Also ehrlich gesagt, so möchte ich mich nicht eines Tages zum Gespött der Überlebenden durch Tübingen wandeln sehen!

 

Quelle: Walter Jens, Hans Küng,
„Menschenwürdig sterben“, S. 209

Was will man in solchen Fällen tun? Will man den Betroffenen erklären, es sei eine falsche Einstellung, Inkontinenz oder Demenz für entwürdigend zu halten? Will man ihnen gar vorhalten, das wäre eine „behindertenfeindliche“ Einstellung? Will man „Uneinsichtigen“ eine Psychotherapie verpassen?

Überlegungen dazu, welche Einstellungen wünschenswert sind, mögen sinnvoll sein, wenn es um Kindererziehung geht, um die Frage, welche Einstellungen bei Kindern gefördert werden sollten. Psychotherapie mag hilfreich sein, wo sie vom Patienten selbst gewünscht wird. Aber unerbetene Umerziehungsversuche an erwachsenen Menschen, gar an alten Menschen, sind wenig erfolgversprechend. Und nicht nur das: Mit solchen Bevormundungsversuchen beleidigt und demütigt man die betroffenen Menschen. Wenn hier etwas „behindertenfeindlich“ ist, dann ist es der Mangel an Achtung, der sich in der Einstellung zeigt, man dürfe diese Menschen bevormunden und demütigen.

Für die Würde gilt das gleiche wie für den Sinn des Lebens: Maßgeblich ist der Begriff von Würde, der den Anschauungen und dem Empfinden des Patienten entspricht. Das gilt es zu respektieren.

Braunschweig, den 10. Mai 2003

Irene Nickel

________________________________________________________________

URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/hilfelebensterben.htm


   

Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!