Verzeichnis Religionskritik

Leserbrief zu
„Darf ich entlassen werden, wenn ich aus der Kirche austrete?“,
Braunschweiger Zeitung vom 26.8.2008,
veröffentlicht am 28.8.2008
(leicht gekürzt, nicht angedruckte Stellen
dunkelblau)

Irene Nickel

Altenpflegerin gekündigt – wegen Kirchenaustritt

Wäre einem Pfarrer wegen Kirchenaustritts gekündigt worden,
dann hätte es einen guten Grund dafür gegeben:
Ein Pfarrer hat die Lehren einer Kirche glaubwürdig zu vertreten.

Eine Altenpflegerin jedoch hat eine andere Aufgabe:
Sie hat für das Wohlergehen von alten Menschen zu sorgen.
Das kann sie gut auch ohne Kirchenmitgliedschaft.
Warum sollte danach eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“
nicht mehr möglich sein? Etwa, weil es in kirchlichen Altenheimen
mehr um die Religion geht als um das Wohlergehen alter Menschen?

Die Sorge um die alten Menschen liefert keinen Grund,
der Altenpflegerin weniger Vertrauen entgegenzubringen.
Eher mehr:
Denn mit dem Kirchenaustritt hat sie Zivilcourage bewiesen.
Um so eher wäre von ihr zu erwarten,
dass sie etwaige Missstände nicht vertuschen,
sondern auf ihre Beseitigung drängen würde.

Leider haben unsere Abgeordneten ein Gesetz geschaffen,
nach dem einer Arbeitnehmerin ohne irgendeinen guten Grund
das Recht auf Gleichbehandlung verweigert werden kann.
Das zeugt von einem beklagenswerten Mangel an Achtung
für das Grundrecht auf Bekenntnisfreiheit (Artikel 4 GG).
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Anmerkung:
Das im Leserbrief erwähnte Gesetz
ist das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG),
das in § 9 folgende Bestimmungen enthält:

§ 9 Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen der Religion oder Weltanschauung

(1) Ungeachtet des § 8 ist eine unterschiedliche Behandlung wegen der Religion oder der Weltanschauung bei der Beschäftigung durch Religionsgemeinschaften, die ihnen zugeordneten Einrichtungen ohne Rücksicht auf ihre Rechtsform oder durch Vereinigungen, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Religion oder Weltanschauung zur Aufgabe machen, auch zulässig, wenn eine bestimmte Religion oder Weltanschauung unter Beachtung des Selbstverständnisses der jeweiligen Religionsgemeinschaft oder Vereinigung im Hinblick auf ihr Selbstbestimmungsrecht oder nach der Art der Tätigkeit eine gerechtfertigte berufliche Anforderung darstellt.

(2) Das Verbot unterschiedlicher Behandlung wegen der Religion oder der Weltanschauung berührt nicht das Recht der in Absatz 1 genannten Religionsgemeinschaften, der ihnen zugeordneten Einrichtungen ohne Rücksicht auf ihre Rechtsform oder der Vereinigungen, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Religion oder Weltanschauung zur Aufgabe machen, von ihren Beschäftigten ein loyales und aufrichtiges Verhalten im Sinne ihres jeweiligen Selbstverständnisses verlangen zu können.

Die hier erwähnten Sonderrechte für Religionsgemeinschaften und die ihnen zugeordneten Einrichtungen sind völlig überflüssig.
Denn alle legitimen Interessen dieser Gemeinschaften und Einrichtungen werden schon durch § 8 dieses Gesetzes gewahrt:

§ 8 Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen beruflicher Anforderungen

(1) Eine unterschiedliche Behandlung wegen eines in § 1 genannten Grundes
      (also u. a. wegen der Religion oder Weltanschauung, I. N.)
ist zulässig, wenn dieser Grund wegen der Art der auszuübenden Tätigkeit oder der Bedingungen ihrer Ausübung eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung darstellt, sofern der Zweck rechtmäßig und die Anforderung angemessen ist.

Jede unterschiedliche Behandlung, die darüber hinausgeht,
hätte durch das Gesetz verboten werden müssen.
Aber dazu hat es leider zu vielen Abgeordneten
an Achtung gefehlt für das Grundrecht auf Bekenntnisfreiheit.
Und auch an Achtung für die Menschen,
denen ohne legitimen Grund dies Grundrecht verweigert wird.

 


   

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