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Abtreibung – Ethik und Gesetzgebung

Irene Nickel

Wann beginnt das Recht auf Leben?

Wer ernsthaft über Abtreibung diskutieren will, kommt um diese Frage nicht herum. Wer eine begründete Antwort sucht, muss überlegen:
Wie begründen wir überhaupt ethische Forderungen?
Was soll eine Ethik bewirken? Was kann sie bewirken?

Meine Hauptforderung an eine Ethik lautet:
Sie muss lebenden Wesen dienen,
die fühlen und wollen, die lieben und vielleicht hassen,
die sich sehnen und sich ärgern, die Freude und Schmerz empfinden.
Ihnen muss sie Nutzen bringen und sie vor Schaden schützen.

Einfügung:

Was heißt „Nutzen“? Was heißt „Schaden“?
Das ist eine Frage der Bewertung –
nach welchen Kriterien soll bewertet werden?

Heute würde ich die Antwort so formulieren:
Maßstab dafür,
was für ein Lebewesen von Nutzen ist und was von Schaden,
sind die Interessen dieses Lebewesens.

Und zwar seine aufgeklärten Interessen,
wie der Philosoph Norbert Hoerster
jene Wünsche bezeichnet,
die jemand „hat (oder jedenfalls haben würde)“,
sofern er sie in einem „urteilsfähigen und informierten Zustand“
hat bzw. haben würde.
    
(Norbert Hoerster, Ethik und Interesse, S. 37 f bzw. S. 24)
 

Die meisten Menschen wollen leben,
die meisten Lebewesen streben danach.

Sollen wir also für sämtliches Leben ein Lebensrecht anstreben? Das können wir nicht gut. Wie denn? Die Lebenserhaltung vieler Lebewesen erfordert Nahrung, zu deren Beschaffung Lebendes getötet werden muss, Tiere oder Pflanzen, zumindest tierische oder pflanzliche Zellen.

Weiter komme ich mit der Frage:
Was meine ich eigentlich, wenn ich sage: „Ich will leben“?

Nicht um die Erhaltung von möglichst vielen Körperzellen geht es mir dabei. Die lasse ich ohne großes Bedauern zugrunde gehen, wenn es meiner Gesundheit dient, bei Blutuntersuchungen, bei einer Blinddarmoperation, usf. Und wenn mein Bewusstsein unwiderruflich ausgelöscht ist, wenn mein Hirn tot ist, dann habe ich überhaupt kein Interesse mehr an der Lebenderhaltung meiner Körperzellen. Hinter dieser Auffassung stehe ich mit meiner ganzen Person: wenn mein Hirn tot ist, stehen meine Organe für Transplantationen zur Verfügung; der Organspenderausweis liegt in meinem Personalausweis.

Wirklich lebendig bin ich nur, wenn mein Streben wirklich ein Wollen ist, wenn hinter meinem Wahrnehmen und Reagieren wirkliche Gefühle stehen. Nur dann bin ich mehr als ein komplizierter informationsverarbeitender Automat.

Wirklich lebendig bin ich, wenn mein Hirn arbeitet. Wenn andere Lebewesen ein funktionierendes Hirn haben (bzw. ein gleichwertiges Zentralnervensystem), dann muss ich annehmen, dass sie in gleicher Weise wirklich lebendig sind wie ich.

Bei diesen Lebewesen haben wir einen schwerwiegenden Grund, ihre Interessen wichtig zu nehmen. Bei hirnlosen Lebewesen haben wir keinen solchen Grund.
 

Menschliche Embryonen haben nicht von Anfang an ein funktionierendes Gehirn.

Geänderter Text, Original s. Fußnote 1:

„Etwa ab der 10. Woche (nach der Befruchtung, I. N.) beginnen die Hirnzellen Synapsen zu bilden, Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen, ohne die keine Zell-Kommunikation möglich ist“ 2, heißt es;

Prof. Hans-Martin Sass nennt als Zeitpunkt
für den Beginn der neuronalen Synapsenbildung:
„vom 70. Tage nach der Empfängnis [...] an“. 3

So kann vor der 10. Woche
von einer Hirnfunktion keine Rede sein.

Vorher ist der Embryo nichts als eine Ansammlung von Organen. Ihn vor einer Abtreibung zu schützen gibt es keinen schwerwiegenden Grund.

Für mich besteht kein Zweifel, dass Abtreibungen in dieser frühen Phase ethisch legitim sind, sofern sie den Interessen der Schwangeren entsprechen; das heißt in aller Regel: wenn sie der wohlüberlegten Entscheidung der Schwangeren entsprechen (Ausnahmen gelten nur dann, wenn eine Schwangere keine solche Entscheidung treffen kann, z. B. wenn sie anhaltend bewusstlos ist oder geistig so schwer behindert).

Wenig Verständnis habe ich für die Ansicht, eine befruchtete Eizelle sei schon deshalb ein Mensch mit allen Rechten, weil sie vollständige menschliche Erbanlagen enthalte (so argumentierte ein Richter in einem vielbeachteten Strafprozess in Memmingen, bei dem es um Abtreibungen ging). Vollständige menschliche Erbanlagen enthielten auch die Zellen meiner Mandeln. Demnach müsste meine Mandeloperation ein Massenmord gewesen sein...

Aus einer Eizelle und einer Samenzelle wurde schließlich ich, ein erwachsener Mensch. Im Laufe dieser Entwicklung entstand mein Bewusstsein, mein Wollen und mein Fühlen; entstand all das, was mich zum wirklich lebendigen Menschen macht. Wann? Zusammen mit den körperlichen Voraussetzungen augenscheinlich.
 

Voraussetzung für Bewusstsein ist ein funktionierendes Hirn. Doch reichen erste einfache Hirnfunktionen nicht aus als Voraussetzung für Bewusstsein. Auch bei bewusstlosen Menschen kommen Hirnfunktionen vor. Ihre Wirkung sehen wir z. B. in den heftigen Bewegungen von Menschen kurz vor dem Erwachen aus einer Narkose.

Die körperlichen Voraussetzungen für Bewusstsein, Wollen und Fühlen entstehen allmählich in einem langen Wachstumsprozess. Ich denke, dass Bewusstsein, Wollen und Fühlen sich ebenso allmählich entwickeln.

Vielleicht erscheint dieser Gedanke einigen Lesern befremdlich, weil er sich schlecht mit bestimmten Vorstellungen von „Identität“ oder „Seele“ verträgt; Vorstellungen, nach denen Identität oder Seele entweder vorhanden ist oder nicht, niemals aber „ein bisschen vorhanden“. Demnach müsste es in der Entwicklung jedes Menschen einen Augenblick geben, von dem an all das vorhanden ist, vorher jedoch überhaupt nicht. Ich finde aber nirgendwo in der menschlichen Entwicklung einen Zeitpunkt, von dem man das mit überzeugender Begründung behaupten könnte.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Embryo und vollentwickeltem Menschen sehe ich auch dann, wenn beim Embryo erste Hirnfunktionen eingesetzt haben. So unterstütze ich guten Gewissens die Forderung:

„Zumindest in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen soll eine Frau frei entscheiden können, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen oder abbrechen will!“
 

Wie lange darüber hinaus eine Frau ein Recht auf Abtreibung haben soll, das ist umstritten. Auch unter Menschen, denen das Selbstbestimmungsrecht der Frau am Herzen liegt. Kein Recht gilt absolut und uneingeschränkt. Rechte finden ihre Schranken, wo sie mit wichtigeren Rechten anderer Lebewesen in Konflikt geraten.

Das Recht auf Leben wird als Menschenrecht allgemein anerkannt. Allgemeine Einigkeit herrscht darüber, dass dies Recht auch für menschliche Säuglinge gilt.
 

Viele Tiere sind weiter entwickelt als menschliche Säuglinge. Müssten wir nun für alle diese Tiere das gleiche Recht auf Leben fordern? Müssten wir fordern, dass wir zur Lebenserhaltung jedes dieser Tiere die gleichen Anstrengungen unternehmen, wie sie zur Lebenserhaltung menschlicher Säuglinge üblich sind?

Es wäre eine gewaltige Aufgabe. Für viele Beutegreifer, die auf tierische Nahrung angewiesen sind, müssten wir Ersatznahrung beschaffen. Wir müssten auch dafür sorgen, dass die Beutetiere sich nicht übermäßig vermehren und so ihren eigenen Lebensraum zerstören – zum Schaden für andere Tiere der gleichen Art. Wenn wir dabei nicht töten wollen, müssten wir Empfängnisverhütung einführen für einen erheblichen Teil der Tierwelt! Bei einem so gigantischen Programm wäre es ein Wunder, wenn wir nicht einen schweren Fehler machen und ungeheuren Schaden anrichten würden. Außerdem: ein artgerechtes Leben wäre dann für viele Tiere nicht mehr möglich. Das heißt: Ein selbstbestimmtes Leben wäre für viele Tiere nicht mehr möglich. Sollen so viele Tiere derart unter menschliche Kontrolle und Bevormundung geraten?

Ein Recht auf Leben für so viele Tiere will ich also nicht fordern – darf ich dann auch kein Recht auf Leben fordern für menschliche Säuglinge? Muss gelten „Gleiche Schutzlosigkeit für alle!“?

In der Tat wäre das die Konsequenz einer Ethik, bei der es vor allem um Gerechtigkeit geht. Dann wird es schwierig, Rechte anzuerkennen: denn es können nur solche Rechte gelten, die für sehr viele Wesen gelten können. So kann eine solche Ethik nur geringe Rechte anerkennen. Zugleich verpflichtet sie niemanden, sich einzusetzen für weitergehende Rechte oder weitergehenden Schutz für andere Lebewesen.

Mehr Geborgenheit bieten kann eine Ethik, die die besonderen Beziehungen berücksichtigt zwischen Wesen, die einander nahestehen. Die als verpflichtend bestätigt, dass solche Wesen eine besondere Verantwortung füreinander haben, dass sie einander besondere Solidarität schulden. So finden viele schutz- und hilfsbedürftige Wesen in ihrer Nähe ein Wesen, von dem sie viel mehr Schutz und Hilfe erwarten können als von irgendwelchen beliebigen anderen Wesen. So finden viele Wesen Schutz und Hilfe. Um ihretwillen nehme ich gern ein wenig Ungerechtigkeit in Kauf.
 

Uns Menschen besonders nahe stehen die anderen Menschen. Diese Nähe begründet besondere Rechte von Menschen gegenüber Menschen: die Menschenrechte. Tiere stehen uns nicht ebenso nahe. Der Unterschied ist im Denken und Fühlen sehr vieler Menschen fest verwurzelt. Schon das spricht dafür, dass es sich um einen bedeutsamen Unterschied handelt. Und es lässt sich Trennendes nennen: Viele Gedanken, die uns bewegen, können wir niemals einem Tier erklären, schon gar nicht einen Dialog darüber mit ihm führen. Niemals können wir mit einem Tier gemeinsame Kinder großziehen, dieses gemeinschaftsstiftende Tun ist unmöglich.

So brauchen wir nicht jedes Recht, das wir unseren Mitmenschen zuerkennen, auf Tiere zu übertragen. Wir brauchen uns um die Erhaltung von Tierleben nicht ebenso zu bemühen wie um die Erhaltung von Menschenleben. Wenn ein Raubtier ein anderes Tier tötet, um sich oder seine Jungen zu ernähren, dann dürfen wir sagen: „Es tut recht daran, für sich und seine Jungen zu sorgen.“ Wenn ein Huftier flieht oder sich wehrt oder sein Junges verteidigt, dann dürfen wir ebenfalls sagen: „Es tut recht daran“, selbst wenn dabei Raubtiere tödlich verletzt werden oder verhungern müssen.

Dies viel geschmähte „Gesetz des Dschungels“ hält Lebensräume meistens besser im Gleichgewicht, als die ordnende Hand des Menschen es könnte. Wir können es uns sparen, „im Namen der Humanität“ gegen ein Prinzip anzukämpfen, das das real existierende Leben erst möglich macht. Wir brauchen unseren Mitmenschen nicht „Unmenschlichkeit“ vorzuwerfen, wenn sie aus vernünftigen Gründen in vernünftigem Ausmaß Tiere töten: z. B. zur Beschaffung von Nahrung und Kleidung, zur Abwehr von Angriffen auf Menschen, zur Entwicklung von Heilverfahren, zur Erhaltung von Lebensräumen, wo die Selbsterhaltungskräfte der Natur überfordert sind.
 

Umstrittener ist, wie nahe uns eine andere Gruppe von Lebewesen steht: menschliche Ungeborene. Viel scheint für einen bedeutsamen Unterschied zu geborenen Kindern zu sprechen: Ungeborene erleben wir ganz anders, wir gehen anders mit ihnen um.

Ungeborene sind noch weitgehend im Mutterleib verborgen. Dort wachsen sie beinahe wie von selbst heran. Meistens genügt es, wenn die Schwangere gesund lebt, keinen besonderen Belastungen ausgesetzt ist und hin und wieder zu Vorsorgeuntersuchungen geht.

Unsere Säuglinge können wir sehen, hören und anfassen. Ihre Unverwechselbarkeit können wir sinnlich wahrnehmen. Und wir müssen uns um sie kümmern. Wir stillen sie oder füttern sie, wir wickeln, baden und kleiden sie, wir fahren sie spazieren, wir spielen mit ihnen, wir sprechen mit ihnen, wir schmusen mit ihnen, wir wiegen oder singen sie in den Schlaf. Immer wieder sind wir da, um ihnen Geborgenheit zu geben.

All das tun wir großenteils nicht um Lohn oder aus Angst vor Strafe; wir tun es aus einem Gefühl von Zusammengehörigkeit und Verantwortung heraus. Zugleich wächst unser Gefühl von Zusammengehörigkeit und Verantwortung in diesem intensiven Umgang mit unseren Kindern.
 

Diese Überlegungen könnten den Schluss nahelegen: „Unser Verhältnis zu Geborenen und Ungeborenen ist so verschieden, dass Menschenrechte keinerlei Bedeutung für menschliche Ungeborene haben.“

Das aber hätte seltsame Konsequenzen: Es wäre legitim, wenn ein beliebiges Ungeborenes zuerst getötet würde und danach aus dem Mutterleib entfernt. Wenn aber ein und dasselbe Ungeborene zuerst aus dem Mutterleib entfernt würde und anschließend getötet, dann wäre das ein Verbrechen gegen das Leben. Allein die Reihenfolge beider Handlungen würde den Ausschlag geben über legitim oder verwerflich.

Mit dem Schutz von Lebewesen hat dies merkwürdige Beurteilungskriterium wenig zu tun. Die Geburt verändert das Ungeborene nicht so tiefgreifend, dass wir danach ein völlig anderes Lebewesen vor uns hätten.

Ein Ungeborenes in der 40. Schwangerschaftswoche ist doch schon ein Lebewesen, mit dem wir umgehen können wie mit einem Säugling. Nur der umgebende Mutterleib hindert uns noch – und da können wir es jederzeit herausholen. Es liegt nicht am Ungeborenen, wenn das noch nicht geschehen ist oder geschieht. Wir können ein Recht nicht allein deshalb verweigern, weil das betroffene Wesen durch äußere Umstände daran gehindert wird, sich in bestimmter Weise zu verhalten.

Geänderter Text, Original s. Fußnote 4:

Wir können einem geburtsreifen Ungeborenen nicht allein deshalb das Recht verweigern, als ein Säugling zu leben, weil es den Mutterleib noch nicht verlassen hat. Am Menschenrecht auf Leben müssen auch geburtsreife Ungeborene in bedeutsamem Maße Anteil haben!
 

Sehr unreife Ungeborene jedoch sind überhaupt nicht in der Lage, außerhalb des Mutterleibs zu leben. Wenn sie nicht einfach zur Welt gebracht werden können, dann liegt die Ursache in ihnen selbst. So kommt ihnen nicht der gleiche Anspruch auf Schutz ihres Lebens zu wie geborenen Menschen.

Um solcher unreifer Lebewesen willen würde ich nie eine Frau ins Unglück stürzen wollen. Ich selbst habe ein schwerbehindertes Kind und weiß, was das heißen kann. Ich würde keiner Frau raten, ein voraussichtlich schwerbehindertes Kind zur Welt zu bringen.

Leider gibt es Menschen, deren Mitgefühl nicht ausreicht, um die seelische Belastung dieser Frauen, und auch ihrer Familien, als ernstes Problem zu begreifen. Es gibt da eine merkwürdige Koalition von Vertretern von Behindertenverbänden, von Kritikern der Gentechnik und von religiösen Fundamentalisten, die miteinander tönen, es wäre illegitime „Ablehnung von Behinderten“, wenn jemand kein behindertes Kind bekommen will.

Quatsch! Ich liebe mein schwerbehindertes Kind. Gerade deshalb ist es ja so schwer für mich, wenn es dem Kind schlecht geht. Zum Glück geht es ihm selten schlecht. So habe ich auch nur selten mit meinen psychosomatischen Beschwerden zu tun, mit Schwindelgefühl und Erbrechen, die mich manchmal gerade dann ins Bett zwingen, wenn ich am Krankenbett meines Kindes besonders gebraucht werde.

Eine Bekannte von mir litt unter schweren Depressionen, als sie erfahren hatte, dass ihr Kind geistig behindert war. Auch zur Sucht nach Alkohol oder Medikamenten kann übermäßige seelische Belastung führen, sogar zu Selbsttötungen.

Diese handfesten Folgen zu erwähnen halte ich für nötig, weil ich allzu viele Äußerungen von Menschen gelesen habe, die durch rein seelische Schmerzen nicht zu beeindrucken sind; schon gar nicht durch den Kummer von Eltern über eine schwere Behinderung ihres Kindes – „nur weil es von der Norm abweicht“, so liest sich das in der Sprache gewisser Leute. Als ob man das Problem derart wegdiskutieren könnte!
 

Etwa bis zur 22. Woche sind Ungeborene unfähig, außerhalb des Mutterleibes zu leben. Von den Säuglingen in unseren Wohnungen sind sie deutlich verschieden. Ihretwegen sollte keine Frau übermäßigen seelischen Belastungen ausgesetzt werden müssen.

Eine Abtreibung bis zur 22. Woche sollte jedenfalls dann möglich sein, wenn mit erheblicher Wahrscheinlichkeit ein schwerbehindertes Kind zu erwarten wäre, oder wenn eine Frau durch ihre soziale Situation ebenso schwer belastet würde. Und selbstverständlich darf eine Schwangerschaft jederzeit beendet 5 werden, wenn andernfalls Leben und Gesundheit der Schwangeren erheblich gefährdet wären.

Geänderter Text, Original s. Fußnote 6:

„Bewusste Reaktionen oder Wahrnehmungen des Fötus (z. B. Schmerzempfindungen) sind aber
nicht vor der 22. Woche möglich, da die Hirnrinde des Fötus noch nicht funktionsfähig ist. Bis zu diesem Zeitpunkt sind auch noch keine regelmässigen Hirnströme festzustellen“, heißt es.
„‚Vor der 26. Woche ist die Hirnrinde nicht funktionsfähig. Deshalb ist es auf jeden Fall unzutreffend, von einer «Wahrnehmung» oder einer «bewussten Reaktion» des Foetus zu sprechen’ (Maria Fitzgerald, Prof. für Neurobiologie, London)“, heißt es weiter.
7

(Anmerkung:
Mit „22. Woche“ ist anscheinend
die 22. Woche nach der Befruchtung gemeint;
Ob das auch für die Angabe „26. Woche“ gilt,
oder ob da die 26. Woche
nach Beginn der letzten Menstruation gemeint ist,
bin ich nicht so sicher.)

Das wäre ein Grund mehr, Abtreibungen auch nach der 12. Woche noch für eine gewisse Zeit für vertretbar zu halten.

Auf jeden Fall ist es höchst erstrebenswert, so späte Abtreibungen möglichst überflüssig zu machen, z. B. durch Frühabtreibungen. Und möglichst weitgehend durch Empfängnisverhütung. Bei allen Bedenken gegen einzelne Verhütungsmethoden – Abtreibungen dürften medizinisch wie psychologisch belastender sein.
 

Sehr unsicher bin ich, ehrlich gesagt, wie ich mich zur Abtreibung von Ungeborenen stellen soll, die wenige Wochen älter sind als 22 Wochen. Einerseits gleichen sie weitgehend einigen geborenen menschlichen Lebewesen in den Brutkästen der Krankenhäuser – und diese geborenen Wesen werden von ihren Eltern ganz selbstverständlich als ihre Kinder angesehen. Andererseits erinnere ich mich noch gut, wie es war, als mein zweiter Sohn nach seiner Geburt im Krankenhaus lag; viele Wochen lang mit einem Magenschlauch in der Nase und noch anderen Schläuchen am Körper, so dass ihn die Schwestern versorgen mussten und ich ihn nicht einmal aus dem Bett herausnehmen durfte. Da hat viel gefehlt an beziehungsstiftendem Umgang zwischen Mutter und Kind.

Außerdem kann man diese unreifen Ungeborenen nicht ohne weiteres aus dem Mutterleib herausholen – womöglich würden einige zwar am Leben bleiben, aber durch die allzu frühe Geburt einen bleibenden Gesundheitsschaden davontragen; damit würde nicht nur das unreife Ungeborene, sondern auch ein künftiger Mensch geschädigt, also in seinen Menschenrechten verletzt.

Ergänzung:

„Ab der 23. Schwangerschaftswoche (20 Wochen nach der Befruchtung) hat ein Frühgeborenes unter Einsatz aller technischen Hilfsmittel ausserhalb des Körpers der Frau eine minime Überlebenschance. Bei Frühgeborenen vor der 28. Woche besteht jedoch ein Risiko für schwere bleibende Schädigungen von etwa 25 %“, heißt es. 8

Das ist ein erhebliches Risiko. Ein schwerwiegender Grund, ein Ungeborenes nicht so früh aus dem Mutterleib herauszuholen – und damit ein Grund, diese Art von Überlebensmöglichkeit nicht als Argument gegen eine Abtreibung gelten zu lassen.
 

Festzuhalten bleibt: Der Beginn der Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibs bedeutet nicht unbedingt den Beginn des Rechts auf Leben. Wir sollten uns hüten, beides allzu eng zu verknüpfen.

Wir müssen bedenken, dass die Medizin fortschreitet, dass immer jüngere Ungeborene eine Geburt überstehen. Soll ihnen dann automatisch ein Recht auf Leben beschert werden? Sollen Abtreibungen immer früher unmöglich gemacht werden? Zum Schutz der Frauen muss dem eine Grenze gesetzt werden. Wir dürfen eine Grenze setzen. Kein Fortschritt der Medizin macht unreife Ungeborene zu Unseresgleichen. So bleibe ich dabei, dass ich bis zur 22. Woche bestimmte Abtreibungen gutheiße; unabhängig von möglichen Fortschritten der Frühgeborenenmedizin.

Die Festlegung bestimmter Fristen halte ich für besonders geeignet, zu einem dauerhaften Ausgleich der Interessen von schwangeren Frauen und ihren Ungeborenen zu kommen. Nicht so begeistert bin ich von einer Forderung, die Frauen in den USA durchgesetzt haben: ein Recht auf Abtreibung, solange das Ungeborene außerhalb des Mutterleibs nicht lebensfähig ist. Das legt den Gedanken nahe: so lange und nicht länger. Heute hätten wir damit zwar noch eine liberale Forderung – aber vielleicht nicht mehr lange.

Bis zur 22. Woche bin ich mir einigermaßen sicher, dass ich bestimmte Abtreibungen gutheißen darf; für die Zeit danach bin ich unsicher.

Doch meine Unsicherheit hat ein Ende: Wenn das Ungeborene so weit entwickelt ist, dass es nach einer Geburt all die Apparatemedizin nicht mehr braucht, dass es ebenso wie ein termingerecht geborener Säugling von seinen Eltern versorgt werden kann – dann ist es einem Menschen so ähnlich geworden, dass es keinen einleuchtenden Grund mehr gibt, ihm eine sehr weitgehende Teilhabe 9 am Menschenrecht auf Leben zu verweigern.

                                               * * *

Überarbeitet am 24. März 2007
und am 3. August 2007
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1 In der MIZ 2/91 schrieb ich über das Gehirn:

„Das entwickelt sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Wenn ich richtig informiert bin, ist es die 9. Woche nach der Befruchtung, in der das Gehirn seine Funktion aufnimmt.“

27, 8 Auf einer Homepage, die von der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs (SVSS) kreiert wurde und, nach Auflösung des Vereins Ende 2003
(wegen Erreichung des Vereinszwecks)
von der ehemaligen co-Präsidentin Anne-Marie Rey weiter betrieben wird.

URL: http://svss-uspda.ch/de/facts/biologie.htm Disclaimer

3 MIZ 2/91, „Neuordnung des Schwangerschaftsabbruchs“, Erwin Fischer;
dort genannte Quelle:
Die Zeit vom 30.11.90, „Wann beginnt das Leben?“, Hans-Martin Sass

4 In der MIZ 2/91 stand noch einfach:

„Wir können einem geburtsreifen Ungeborenen nicht das Recht verweigern, als ein Säugling zu leben. Das Menschenrecht auf Leben muss auch geburtsreife Ungeborene umfassen!“

Das habe ich geändert, weil ich eine kleine Einschränkung für begründet halte und daran festhalten will:
Vor und während der Geburt
muss das Leben der Frau Vorrang haben
vor dem Leben des Noch-nicht-Geborenen.

5 Das muss nicht in jedem Fall den Tod des Ungeborenen bedeuten. Wenn der Geburtstermin nicht mehr fern ist, dann kann
eine Gefahr für Leben und Gesundheit der Schwangeren in vielen Fällen durch eine Lebendgeburt abgewendet werden.

6 In der MIZ 2/91 stand noch:

„Für Ungeborene bis zur 22. Woche ein geringerer Anspruch auf Schutz ihres Lebens als für geborene Menschen – damit ist nicht gesagt, dass alle diese Ungeborenen nach Belieben getötet werden könnten. Ich meine, etwa von der 13. Schwangerschaftswoche an sollte man das nicht mehr so bedenkenlos tun.“

Diese meine damalige Meinung beruhte darauf, dass ich damals noch nicht so viel über die Voraussetzungen von bewussten Wahrnehmungen und Reaktionen eines Fötus wusste.

Heute, 2007, halte ich es nicht mehr für begründet, einen Anspruch auf Schutz für Ungeborene bis zur 22. Woche vorzusehen. Zu bedenken ist jedoch, dass eine Spätabtreibung ernstere psychische Folgen für die betroffene Frau haben kann als eine Abtreibung in einem früheren Stadium. Um so wichtiger ist es, dass Entscheidungen für oder gegen eine Spätabtreibung wohlüberlegt und auf der Basis zutreffender Informationen gefällt werden.

9 In der MIZ 2/91 stand noch einfach:

„ihm das Menschenrecht auf Leben zu verweigern“.

Das habe ich geändert, aus den gleichen Gründen wie unter Fußnote 4.

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URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/lebensrechtbeginn.htm


   

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