Irene Nickel

Menschenbild und Bioethik

Aus drei Leserbriefen an die Frankfurter Rundschau

Was ist das – ein Mensch? 1

Ist ein menschlicher Embryo „menschliches Leben“? Die Antwort auf diese Frage hängt ab von der Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ Ist der Mensch eine Ansammlung von Zellen mit der DNA einer bestimmten Spezies? Oder ist der Mensch ein bewusst erlebendes, fühlendes Wesen? Nur die zweite Antwort sehe ich in Übereinstimmung mit dem, was ein Mensch sein will. Nur die zweite Antwort entspricht der Würde des Menschen.

Kann nun ein menschlicher Embryo bewusst erleben und fühlen? In den ersten Wochen sicher nicht. Bewusstes Erleben und Fühlen sind nur möglich mit einem funktionierenden Zentralnervensystem; und das hat der menschliche Embryo in den ersten Wochen noch nicht. Das Wesentliche am Menschsein fehlt ihm noch. Und so fehlt jeder ernstzunehmende Grund, einen solchen Embryo wie einen Menschen zu behandeln.

Die Idee, man müsste ein solches bewusstlos dahinvegetierendes Häuflein menschlicher Zellen wie einen Menschen behandeln, ist leider nicht nur eine liebenswerte Kuriosität aus dem Arsenal von katholischen und anderen Dogmatikern. Es ist ein Hindernis, den wirklichen Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen gegen quälendes Siechtum und gegen tödliche Krankheiten. Es ist ein Hindernis für die Humanität.
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„Ein Mensch sollte über den anderen nicht richten“2

verkündete Frau Angela Merkel. Ein bedenkenswerter Grundsatz – aber was bedeutet er für die Präimplantationsdiagnostik (PID)?

Dass bei einer PID über „Menschen“ entschieden würde, auf den Gedanken kann nur jemand kommen, für den ein Mensch weiter nichts ist als ein bewusstlos dahinvegetierendes Häuflein Zellen. Der achtlos über all das hinwegsieht, was dem menschlichen Leben Bedeutung verleiht: bewusstes Erleben, Freude und Schmerz, Angst und Hoffnung, Tatendrang und Freude am Gelingen, und das Eingebundensein in zwischenmenschliche Beziehungen.

Über wirkliche, lebendige, fühlende Menschen aber wird entschieden, wenn PID verboten wird. Dann werden Menschen dazu verurteilt, im Ausland Zuflucht zu suchen, als wären sie Schwerverbrecher, obwohl sie sich weiter nichts wünschen als ein gesundes Kind. Oder, schlimmer noch: Wenn sie sich die PID im Ausland nicht leisten können, dann werden sie dazu verurteilt, eine Schwangerschaft auf Probe auf sich zu nehmen, Monate voller Angst und am Ende nicht selten eine Spätabtreibung.

Wer das will, sollte sich vielleicht einmal erinnern, über welche Menschen er ein solches Urteil verhängen will. PID ist vor allem für die Paare geeignet, die ein hohes Risiko tragen, dass bei einer Befruchtung ein Embryo mit Anlagen zu einer schweren Behinderung entstehen könnte. Das heißt: nicht zuletzt für Paare, die schon ein schwerbehindertes Kind haben, und die dies Kind in aller Regel mit viel Liebe und Einsatzbereitschaft großziehen. Ausgerechnet diesen Menschen will die CDU/CSU mit einem PID-Verbot das Leben schwer machen!

Was verspricht man sich eigentlich davon? Dass es Frauen geben könnte, die sich nach Monaten der Schwangerschaft nicht mehr zu einer Abtreibung entschließen können? Dass auf diese Weise Menschen geboren werden, die ihre Existenz nicht dem Willen ihrer Eltern verdanken, sondern staatlichem Zwang? Wen würde das wohl freuen?
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Verdinglicht wird menschliches Leben3

nicht durch Präimplantationsdiagnostik, wie Bundestagspräsident Thierse meint. Verdinglicht wird menschliches Leben durch die Auffassung, der Mensch wäre nicht mehr als ein bewusstlos dahinvegetierendes Häuflein menschlicher Zellen. Eine Auffassung, für die nichts von dem zählt, was dem menschlichen Leben Bedeutung verleiht: bewusstes Erleben, Freude und Schmerz, Angst und Hoffnung, Tatendrang und Freude am Gelingen, und das Eingebundensein in zwischenmenschliche Beziehungen. Nur aus dieser menschenverachtenden Auffassung vom Menschen heraus kann man auf den Gedanken kommen, der bewusstlos dahinvegetierende Embryo, um den es bei der Präimplantationsdiagnostik geht, wäre ein „Mensch“.

Das Verbot der PID sei das im Grundgesetz verankerte „ethische Minimum“, sagte Bundestagspräsident Thierse. Seltsam – kein Gesetz verbietet die Spirale, die die Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut verhindert. Aber wenn PID dazu führen könnte, dass der eine oder andere Embryo keine Möglichkeit zur Einnistung bekommt, dann sollen die „in der Verfassung verankerten Grundpositionen“ in Gefahr sein? Welch eine Doppelmoral!

Es stehe „zu befürchten“, doziert der Bundestagspräsident, dass PID „Behinderte zu Verhinderbaren“ mache und „Behinderte als unwert“ erachte. Dazu ist zu sagen: Erstens ist die Geburt von Behinderten verhinderbar, sobald die medizinischen Möglichkeiten dazu bestehen. Daran kann kein Gesetz der Welt etwas ändern. Erst recht kann kein Gesetz der Welt etwas daran ändern, dass Menschen kein schwerbehindertes Kind haben wollen. Wäre denn den Behinderten damit gedient, wenn sie sehen würden: „Viele Behinderte sind nur deshalb nicht verhinderbar, weil Frauen durch Gesetz gezwungen werden, gegen ihren Willen ein voraussichtlich behindertes Kind zur Welt zu bringen“?

Zweitens sollten einige Politiker öfter einmal daran denken, was die Geburt eines schwerbehinderten Kindes für eine Frau und ihre Familie bedeutet. Ich habe es erfahren, ich habe ein schwerbehindertes Kind. Ich liebe mein Kind, es ist mir keineswegs „unwert“. Gerade deshalb ist es besonders schlimm für mich, wenn mein Kind infolge seiner Behinderung Schmerzen hat, sich ständig übergeben muss oder gar – wieder einmal – operiert werden muss. Wenn es meinem Kind schlecht geht, leide ich mit. Wenn es in Lebensgefahr schwebt, habe ich Angst. Manchmal war das mehr, als ich ertragen konnte, und ich musste mit psychosomatischem Schwindel und Erbrechen ins Bett. Ich kann jede Frau verstehen, die sich und ihre Familie vor der Geburt eines schwerbehinderten Kindes schützen will. Eine Politik, die den Frauen dabei Hindernisse in den Weg legen will, wie z. B. ein PID-Verbot, nenne ich frauenfeindlich und familienfeindlich.

Mehr Sinn für die Probleme von Frauen zeigt der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt. Einen Schwangerschaftsabbruch zu vermeiden, daran haben doch die Frauen das größte Interesse. Eine Schwangerschaft auf Probe, Monate der Angst vor einem Schwangerschaftsabbruch und am Ende vielleicht tatsächlich ein Schwangerschaftsabbruch, das bedeutet für Frauen mit hohem Risiko eine erhebliche körperliche und seelische Belastung.

Warum wollen einige Politiker den Frauen nur diese Möglichkeit lassen und ihnen PID vorenthalten? Dass es an ethischen oder moralischen Bedenken liegen könnte, ist schwer zu glauben. Meinen diese Leute wirklich, ein später Schwangerschaftsabbruch wäre ethisch und moralisch eher vertretbar als eine PID?! Die meisten Menschen denken da anders. Gegen den Abbruch der Entwicklung eines Embryos oder Fetus haben die meisten Menschen um so schwerere ethische Bedenken, je weiter der Embryo oder Fetus schon gekommen ist auf dem Wege seiner Entwicklung zum Menschen. Daher müsste es gegen einen späten Schwangerschaftsabbruch eigentlich schwerere ethische Bedenken geben als gegen eine PID.

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1 Leserbrief zu
   „London bejaht offenbar das Klonen von Embryonen“,
   Frankfurter Rundschau vom 31.7.2000,
   Leserbrief veröffentlicht
   in der Frankfurter Rundschau vom 19.8.2000 (vollständig)

2 Leserbrief zu
   „Und noch ein Ethikrat“,
   Frankfurter Rundschau vom 13.3.2003,
   Leserbrief nicht veröffentlicht

3 Leserbrief zu
   „Kardinal Meissner bezeichnet Schröder als Sünder“,
   Frankfurter Rundschau vom 27.1.2003,
   Leserbrief nicht veröffentlicht
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