Irene Nickel

Organtransplantationen erleichtern!

Hintergrund:

Im April 2007 legte in Deutschland
der Nationale Ethikrat eine Stellungnahme 1 vor
mit dem Titel

Die Zahl der Organspenden erhöhen –
Zu einem drängenden Problem
der Transplantationsmedizin in Deutschland

Darin wird festgestellt:

Es gibt in Deutschland ...
einen gravierenden Mangel an Spenderorganen.
Dieser führt dazu, dass pro Jahr etwa 1.000 Personen,
die auf der Warteliste für eine Transplantation stehen,
sterben, weil ihnen nicht rechtzeitig ein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung gestellt werden kann.
     (S. 11)

Angesichts dessen hielt es der Nationale Ethikrat für ethisch geboten,
etwas gegen diesen Mangel zu tun.
Er machte eine Reihe von Vorschlägen,
wie darauf hingewirkt werden könnte,
dass mehr Organspenden von Verstorbenen zur Verfügung stünden.

Am meisten Aufsehen erregte sein Vorschlag,
dass eine Organentnahme zu Transplantationszwecken
unter Umständen auch ohne die Zustimmung
des Verstorbenen oder seiner nächsten Angehörigen
zulässig sein sollte.
Nämlich:

... wenn keine Anhaltspunkte für einen Widerspruch vorliegen und auch die Angehörigen des Verstorbenen der Organentnahme nicht widersprechen.

Vorauszusetzen ist, dass vor der Organentnahme
zumutbare Anstrengungen unternommen worden sind,
den Willen des Verstorbenen
beziehungsweise den Willen der Angehörigen zu ermitteln.
     (S. 53)

 
Meine Meinung dazu:

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Nicht weit genug,
gemessen daran, wie es eigentlich sein sollte.

Aber ein guter Vorschlag,
gemessen an dem, was in Deutschland
in absehbarer Zeit politisch möglich zu sein scheint.

 
Was will ich denn mehr?

Ich will, dass kein zur Transplantation geeignetes Organ von Verstorbenen ungenutzt bleibt,
wenn es gebraucht wird,
damit ein Mensch nicht sterben muss,
oder damit ein Mensch nicht länger unter einer erheblichen Beeinträchtigung seiner Gesundheit leiden muss.

Leben und Gesundheit von Menschen sind viel zu wichtig,
als dass ich mich leichten Herzens für eine Regelung aussprechen könnte,
nach der eine so dringend benötigte Hilfe
am Widerspruch des Verstorbenen scheitern könnte,
oder gar am Widerspruch seiner Angehörigen.

In Deutschland haben jedoch diejenigen das Sagen,
die lieber schwerkranke Menschen zu Siechtum und Tod verurteilen,
als sich über den Widerspruch eines Verstorbenen hinwegzusetzen.
Die sich darin gefallen,
immer wieder „Respekt“ zu fordern:

„Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht des Verstorbenen“, 2

oder auch:

„...die aus religiösen wie ethischen Gründen
unterschiedlichen Einstellungen zum Tod,
zum Umgang mit einem Leichnam zu respektieren.“ 3

Respekt?
Wo bleibt dabei eigentlich der Respekt
vor den Menschen, die deswegen sterben müssen?
Wo bleibt der Respekt
vor seinen Angehörigen, die um ihn weinen müssen?
Wo bleibt der Respekt vor den Schwerkranken,
die deshalb dahinsiechen müssen?

Selbstbestimmungsrecht?
Auch die Schwerkranken haben ein Selbstbestimmungsrecht.
Und da gilt es abzuwägen:
Das Selbstbestimmungsrecht von Menschen,
für die es um Leben oder Tod geht,
gegen das Selbstbestimmungsrecht von Menschen,
für die es nur um einen leblosen Körper geht,
mit dem sie so wenig anfangen können
wie mit einem ausgefallenen Milchzahn.

Religiöse Gründe?
Sollen religiöse Gründe schwerer wiegen
als Leben und Gesundheit von Menschen?
Normalerweise sieht man es zum Glück nicht so.
Wenn Zeugen Jehovas ein Kind haben,
das eine lebensnotwendige Bluttransfusion braucht,
und wenn seine Eltern aus religiösen Gründen ihre Einwilligung verweigern,
dann ist für uns klar:
Dann müssen wir uns darüber hinwegsetzen
und dem Kind die lebensnotwendige Bluttransfusion geben.
Dann ist uns – zum Glück – das Leben des Kindes wichtiger
als die religiösen Gründe von anderen Menschen.
Warum sollte das nicht auch gelten,
wenn es für ein anderes Kind ebenso lebensnotwendig ist,
dass ihm ein Organ von einem Verstorbenen implantiert wird?

Ethische Gründe?
Da kann ich nur fragen:
Was soll denn das für eine Ethik sein,
in der die Vorlieben eines Toten
mehr zählen als Leben und Gesundheit von Menschen?
Das ist eine menschenfeindliche Ethik.
Eine solche Ethik verdient es nicht, respektiert zu werden.
Sie verdient, scharf kritisiert zu werden.
Und sie verdient, ignoriert zu werden.

 
Eine menschenfreundliche Ethik
orientiert sich daran, was am wichtigsten ist für die Menschen.
Eine menschenfreundliche Ethik
stellt sich auf die Seite der Menschen,
für die es um Leben oder Tod geht
oder um ein Stück Genesung oder Siechtum.
Eine menschenfreundliche Gesetzgebung
stellt sich ebenfalls auf die Seite dieser Menschen.

Eine menschenfreundliche Politik
tut das Gleiche –
aber es ist nicht ihre Sache, in Idealen zu schwelgen.
Um effektiv zu arbeiten,
muss sie sich Ziele setzen,
die sie in absehbarer Zeit erreichen zu können
hoffen darf.

Das heißt konkret:
Im Augenblick hat es wenig Sinn,
Gesetze zu fordern,
nach denen jedes zur Transplantation geeignete Organ von Toten
zur Rettung von Menschenleben verwendet werden dürfte.
Im Augenblick ist es sinnvoller,
den Vorschlag des Nationalen Ethikrats zu unterstützen:

dass eine Organentnahme
unter Umständen auch ohne die Zustimmung
des Verstorbenen oder seiner nächsten Angehörigen
zulässig sein sollte,
nämlich „... wenn keine Anhaltspunkte für einen Widerspruch vorliegen und auch die Angehörigen des Verstorbenen der Organentnahme nicht widersprechen.“

Wenn damit das Problem gelöst ist,
wenn dann genug Spenderorgane zur Verfügung stehen
und weitergehende Gesetzesänderungen sich als überflüssig erweisen,
um so besser.

Auf jeden Fall ist es ein Vorschlag,
dessen Realisierung viel Gutes bewirken könnte:
Es gäbe mehr Spenderorgane
und damit mehr Menschen,
die vor Siechtum und Tod bewahrt werden könnten.
Mehr Menschen,
die länger und glücklicher leben könnten.

Braunschweig, den 1. November 2009

Irene Nickel

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Ergänzung  (Februar 2011):

Folgen des Organmangels

Organspenden von Lebenden

Als im Sommer 2010 der Politiker Frank-Walter Steinmeier
seiner Frau eine Niere spendete,
fand dies große Aufmerksamkeit in den Medien.
Jährlich sind es etwa 600 Menschen, die eine Niere hergeben.
4
Etwa 600 Menschen,
die sich einem mittelschweren Eingriff unterziehen:
Die Entnahme des Spenderorgans dauert etwa drei Stunden.

Nötig wird dies vor allem
durch den Mangel an Spender-Organen von Verstorbenen.
Die Warteliste für Nieren-Transplantationen
umfasst in Deutschland derzeit über 10.000 Patienten.
So müssen diese Patienten mit sieben Jahren Wartezeit rechnen,
manche, die nach einer Schwangerschaft oder einer Bluttransfusion
Antikörper gegen Fremdgewebe gebildet haben, sogar mit zehn Jahren.
Das ist eine lange Zeit,
bedenkt man, dass Patienten, die auf Dialyse angewiesen sind,
im Schnitt nicht mehr als sieben Jahre Lebenszeit bleiben.
Zeit, die oft genug von schweren Erkrankungen überschattet ist:
Das Risiko von Dialysepatienten,
von Herzinfarkten, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Gefäßverschlüssen mit Amputationen von Beinen,
Blutarmut, Osteoporose und weiteren Krankheiten betroffen zu werden,
ist um ein Vielfaches höher
als bei Empfängern von Spender-Organen.

Menschen, die sich angesichts solcher Gefahren entschließen,
einem geliebten Menschen eine Niere zu spenden,
verdienen größten Respekt.

Aber dass sie sich dazu genötigt sehen,
weil die bestehenden Gesetze
den Mangel an Organen von Verstorbenen künstlich verschärfen,
das ist ein Skandal!

Das ist Gewalt gegen Menschen,
wenn man sie durch Androhung erheblicher Gefahren
für Leben und Gesundheit eines geliebten Menschen
dazu nötigt,
sich einer erheblichen Verletzung ihres eigenen Körpers auszusetzen.

Die künstliche Verschärfung des Mangels an Spenderorganen
schädigt so nicht nur potentielle Empfänger,
sondern auch liebende Angehörige von potentiellen Empfängern.

Zugleich bereitet der Mangel an Spenderorganen
den Boden für eine menschenverachtende Form von Kriminalität:

Organhandel

gefährdet Leben und Gesundheit von Menschen.

So meldete DerWesten 5 am 21.1.2011:

Brüssel. In Südosteuropa blüht der Organhandel.
Mittellose Bürger werden zum Verkauf einer Niere überredet.
Den Spendern wurden bis zu 14.500 Euro versprochen. Die Empfänger zahlten ein Vielfaches –
zwischen 80.000 und 100.000 Euro.

Der junge Türke, der in Pristina auf seinen Flug nach Istanbul wartet, sieht unwohl aus. Ein Flughafenpolizist wird aufmerksam und fragt „Alles in Ordnung?” die Antwort kommt stöhnend: „Nein – sie haben mir eine Niere rausgenommen. Ich fühle mich schlecht, ich muss ins Krankenhaus!” Die Polizisten alarmieren den Notarzt und lassen den jungen Kerl abtransportieren. Im Krankenhaus packt er aus – und enthüllt das bislang größte und schmutzigste Geschäft mit menschlichen Organen in Europa.

Da ist also ein Organhändler-Ring aufgeflogen.
Weil bei einem der Opfer
die Komplikationen schon auf dem Flughafen eingetreten sind,
und weil ein Flughafenpolizist aufmerksam war und richtig reagierte. Mehr Zufall als ein Erfolg von zielgerichteten polizeilichen Ermittlungen.

Wenn man das Problem wirksam bekämpfen will,
muss man es auch von der anderen Seite angehen:
von der Nachfrage her.
Die Nachfrage nach Organen aus kriminellen Quellen könnte geringer sein,
wenn mehr Organe von Verstorbenen zur Verfügung stünden.

Es ist an der Zeit, dass unsere Politiker
den vernünftigen Vorschlag des Ethikrats endlich umsetzen.
So könnten sie viele Leben retten.

Bis dahin kann jeder einzelne Bürger etwas tun:
einen Organspenderausweis ausfüllen
und seine nächsten Angehörigen informieren.

Braunschweig, den 28. Februar 2011

Irene Nickel
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1, 2 Stellungnahme des deutschen Nationalen Ethikrats Disclaimer
zur Organspende

3 aus Protokoll 15/33 Disclaimer
der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“
des Deutscher Bundestags

4 Quelle: Nierenspende rettet Leben Disclaimer, 23.08.2010,
in DerWesten, das Portal der WAZ Mediengruppe

5 Quelle: Organhändler-Ring im Kosovo aufgeflogen Disclaimer, in DerWesten, das Portal der WAZ Mediengruppe

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URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/organtransplantation.htm


   

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