Irene Nickel

Recht auf Leben – Recht auf Sterben

Gegner der aktiven Sterbehilfe berufen sich gern
auf das „Menschenrecht auf Leben“. Aber sie fragen nicht danach,
ob nicht für einige Menschen ein anderes Menschenrecht wichtiger ist: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“
(Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO 1948). Einem Menschen, der unter einer schweren unheilbaren Krankheit oder Behinderung leidet, durch Verweigerung von Hilfe zum Sterben ein ungewolltes Leben aufzuzwingen, das ist grausam und unmenschlich.

Erniedrigend ist es außerdem, weil es den Willen des Menschen missachtet. Wie ein derart aufgezwungenes Leben
mit der Menschenwürde vereinbar sein soll, ist unerfindlich.

Aus der Achtung vor dem Mitmenschen –
man könnte auch sagen, aus der Achtung seiner Menschenwürde –
ergibt sich der Grundsatz, dass der Mensch ein Recht haben muss,
über sein Leben und seinen Tod selbst zu entscheiden.

 
Augenblicklicher Wille versus mutmaßliche längerfristige Interessen

Wie ein solches Recht, über den eigenen Tod zu entscheiden, auszugestalten ist,
das ist allerdings keine einfache Frage.
Ein wichtiger Gesichtpunkt
ergibt sich aus Angaben wie dieser:

„84 Prozent aller Personen, die einen Suizidversuch überlebt haben, seien später froh, noch am Leben zu sein“,
      (so Professor Karl-H. Beine,
      Psychiater am St.-Marien-Hospital in Hamm,
      laut einem
Artikel Disclaimer in der WELT vom 20.10.2003)

Der augenblickliche Wille eines Menschen
ist also nicht immer identisch mit seinen längerfristigen Interessen.

Wonach soll man gehen?

Nach dem augenblicklichen,
vielleicht sogar mit einer gewissen Dauerhaftigkeit geäußerten Willen eines Menschen,
oder nach seinen mutmaßlichen längerfristigen Interessen?

Ich denke, es wäre ein Fehler,
in dieser Hinsicht alle Menschen über einen Kamm zu scheren.
Es sollte einen Unterschied machen,
ob ein junger, gesunder Mensch wegen äußerer Umstände sterben will,
etwa aus Liebeskummer
oder wegen Schwierigkeiten in Ausbildung oder Beruf,
oder ob jemand
unter einer schweren unheilbaren Krankheit oder Behinderung leidet.

Außerdem sollte m. E. das Lebensalter eine Rolle spielen.
(s. u. Gesichtspunkt 1)

Ein schwieriges Problem ist aus meiner Sicht,
ob es eine Rolle spielen soll,
ob jemand im Sterbefall minderjährige Kinder hinterlassen würde.
Auf jeden Fall halte ich es für eine sittliche Pflicht von Eltern,
zu bedenken, welchen Verlust ihr Tod für ihre Kinder bedeuten würde,
und deshalb nicht ohne schwerwiegenden Grund den Tod zu suchen.

Aber kann man das erzwingen?
Wenn es an Verantwortungsbewusstsein für die eigenen Kinder fehlt,
was könnte man dann mit Zwang bewirken?

Manchmal weiß ich keine Antwort.
Manchmal kann ich nur Fragen stellen
und zum Nachdenken darüber anregen.

Dazu will ich einige Vorschläge machen,
wie man den augenblicklichen Willen eines Menschen
gegen seine mutmaßlichen längerfristigen Interessen abwägen könnte.
Dabei will ich auch Altersangaben machen,
damit man ungefähr weiß, wovon ich rede.
Ich will aber die Möglichkeit offen lassen,
dass empirische Befunde Anlass geben könnten,
meine Altersangaben durch besser begründete zu ersetzen.
 

Vorschlag 1:

Wegen einer unheilbaren Krankheit oder Behinderung zu sterben,
wenn diese heftige Schmerzen
oder sonstige quälende körperliche Beschwerden
verursacht,
diese Möglichkeit sollte für jeden Menschen offenstehen,
der imstande ist, einen dauerhaften Willen zu äußern.

Also auch für Kinder.
Bei Kindern, insbesondere bei jüngeren Kindern,
ist allerdings besondere Sorgfalt geboten,
bevor man zu dem Schluss kommt,
dass es sich um einen wohlüberlegten und dauerhaften Willen handelt.

Zu beachten ist bei Kindern insbesondere,
dass ihre Idee, sterben zu wollen, nicht auf Vorstellungen
von einem angenehmen Leben nach dem Tode beruht.
Ob diese Vorstellungen religiösen Ursprungs sind
oder aus Science-Fiction-Serien oder sonstigen Märchen stammen –
bei Kindern ist jedenfalls nicht zu erwarten,
dass ein Urteil zugunsten solcher Vorstellungen
ein wohlüberlegtes Urteil sein könnte.
 

Vorschlag 2:

Wegen einer Behinderung zu sterben,
bei der das Problem nicht in heftigen Schmerzen
oder sonstigen quälenden körperlichen Beschwerden besteht,
sondern vor allem in einer erheblichen Einschränkung
der Möglichkeiten der Lebensgestaltung,
sollte es ein Mindestalter geben
für die Bereitstellung von Mitteln zur Selbsttötung.
Bei sehr schweren Behinderungen, z.B. Halsquerschnittslähmung,
könnte ich mir ein Mindestalter von etwa 14 Jahren vorstellen,
bei nicht ganz so schweren Behinderungen,
etwa bei einem Rollstuhldasein wegen Lähmung beider Beine,
ein Mindestalter von etwa 18 Jahren.

Auf jeden Fall sollte
vor einer Bereitstellung von Mitteln zur Selbsttötung
sorgfältig geprüft werden,
ob es sich um eine wohlüberlegte und dauerhafte Entscheidung handelt.
Eine jüngere sterbewillige Person –
ich denke an Personen unter 60 Jahren –
sollte Gelegenheit gehabt haben,
Erfahrungen zu sammeln mit ihrer Behinderung
und Möglichkeiten kennenzulernen,
ihr Leben trotz ihrer Behinderung zufriedenstellend zu gestalten.

 

Vorschlag 3:

Falls junge gesunde Menschen
(ich denke an Menschen unter 18 Jahren)
wegen äußerer Umstände sterben wollen
(also etwa wegen Liebeskummer
oder wegen Problemen in Ausbildung oder Beruf),
dann dürfte es in aller Regel
in ihrem längerfristigen Interesse liegen,
sie daran zu hindern.
Notfalls mit einem für unerwünscht erklärten Rettungsversuch
nach einem Selbsttötungsversuch,
oder – unter bestimmten Voraussetzungen –
mit einer Zwangseinweisung in eine geschlossene Anstalt.
Mit der letzteren Möglichkeit muss man allerdings vorsichtig sein,
um nicht Menschen mit Selbsttötungsgedanken
davon abzuhalten, fachkundige Hilfe zu suchen.

 

Vorschlag 4:

Menschen in einem hohen Alter
ich denke an eine Altersgrenze von etwa 70 Jahren,
jedenfalls deutlich über 60 Jahren –
sollten auf jeden Fall die Möglichkeit haben,
nach einer wohlüberlegten und dauerhaften Entscheidung
Mittel zur Selbsttötung zu erhalten.

Die Entscheidungsrechte,
die ich für Menschen in hohem Alter vorschlage,
sollten auch für diejenigen mündigen Menschen gelten,
die wegen einer Krankheit
nur noch eine ähnlich geringe Lebenserwartung haben.
Außerdem schlage ich diese Entscheidungsrechte
auch für mündige Menschen vor, denen in ähnlich kurzer Zeit
ein schwerer Verfall ihrer geistigen Kräfte droht.
Denn es ist vielen Menschen wichtig,
bei den Ihren so in Erinnerung zu bleiben, wie sie sind,
nämlich als mündige, zu ihren Überzeugungen stehende Menschen.
 

Vorschlag 5

betrifft gesunde Menschen
von 18 bis etwas über 60 Jahren

(und natürlich auch an die, die nur vorübergehend krank sind).

Bei diesen Menschen halte ich es in aller Regel für angemessen,
ihre Entscheidungen zu respektieren.
Also auf massive Eingriffe –
in der einen wie in der anderen Richtung –
zu verzichten.

Das heißt konkret:
Eine Unterstützung von Selbsttötungsversuchen
durch Beschaffung der erforderlichen Mittel
sollte in aller Regel unterbleiben.

Auf der anderen Seite
sollte einem nicht jedes Mittel recht sein,
um eine Selbsttötung zu verhindern.
So legitim es ist,
jemanden durch Gespräche und/oder Hilfsangebote
zum Weiterleben zu ermutigen,
so problematisch wäre die Anwendung von Zwang.
Freiheitsentziehende Maßnahmen
wären m. E. in aller Regel abzulehnen.
Eine Frage für sich
sind Rettungsversuche nach einem Selbsttötungsversuch.

 
Vorschlag 5a

Wird jemand nach einem Selbsttötungsversuch
bewusstlos oder ohne klares Bewusstsein aufgefunden,

dann ist vieles zu bedenken.

Zuerst die Frage,
ob es sich tatsächlich um einen Selbsttötungsversuch handelt.
Also nicht etwa um einen Unfall
(z. B. versehentliche Überdosierung eines Medikaments).
Und nicht um eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes ohne äußere Einwirkungen
(z. B. durch einen Schlaganfall).
Und auch nicht etwa gar um einen Mordversuch.

Ein aktueller Abschiedsbrief,
der in leicht auffindbarer Weise bereit liegt,
kann einen wichtigen Hinweis auf einen Selbsttötungsversuch liefern.

Für sonst (mutmaßlich) gesunde Menschen
von 18 bis etwas über 60 Jahren
ist mein Vorschlag 5a
eigentlich kein konkreter Vorschlag,
sondern das Eingeständnis,
dass es nicht für alles
feste und zugleich angemessene Regeln gibt.

Feste Regeln gibt es nicht,
aber es gibt Gesichtspunkte,
die helfen können,
für individuelle Fälle eine angemessene Entscheidung zu finden.

 

Gesichtspunkt 1 (Lebensalter):

Je älter ein Mensch ist, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit,
dass seine Einstellungen sich in Zukunft ändern.
Je jünger hingegen ein Mensch ist,
um so besser sind im Allgemeinen seine Aussichten,
eine neue Partnerin oder einen neuen Partner zu finden
oder mit Erfolg eine andere berufliche Laufbahn einzuschlagen.

Im Allgemeinen –
das bedeutet nur, dass man davon ausgehen sollte,
solange man sehr wenig über einen Menschen weiß.
Dann kann man nach der Faustregel gehen:
Je jünger ein Mensch,
um so mehr Gewicht bekommen
seine mutmaßlichen längerfristigen Interessen.“

Wenn jedoch individuelle Lebensumstände bekannt sind,
die zu einer anderen Einschätzung der Zukunftsaussichten führen,
dann ist natürlich von dieser individuellen Einschätzung auszugehen.

 

Gesichtspunkt 2 (über Selbsttötungsabsichten gesprochen):

Wenn jemand schon längere Zeit
über Selbsttötungsabsichten gesprochen hat,
dann ist für Laien  manchmal schwer einzuschätzen:

– Waren das Zeichen für eine ernsthafte Auseinandersetzung
   mit der Möglichkeit einer Selbsttötung?

– Oder hat jemand nur, auf sehr dramatische Weise,
   seinen Stimmungen Ausdruck verliehen?

– Oder hat jemand womöglich nur austesten wollen,
   wie die Menschen in seinem Umfeld reagieren würden?

– Oder wollte er gar Menschen in seinem Umfeld unter Druck setzen?

Jemand hat einmal formuliert:
Im Zweifelsfalle für den Zweifel !

 
Gesichtspunkt 3
(Entscheidungen unter Zeitdruck):

Besonders schwierig wird die Entscheidung,
wenn jemand einen Menschen, den er kaum kennt,
nach einem Selbsttötungsversuch bewusstlos auffindet.
Dann muss der Finder rasch entscheiden,
ob er einen Rettungsversuch unternehmen soll oder nicht.
Versuche, etwa bei Angehörigen mehr zu erfahren,
würden Zeit kosten –
Zeit, nach der ein erfolgreicher Rettungsversuch
vielleicht nicht mehr möglich wäre.

Nicht selten wird jemand,
einen Menschen, den er kaum kennt,
nach einem Selbsttötungsversuch bewusstlos auffindet
und kaum etwas über ihn weiß,
begründete Zweifel haben,
ob ein Rettungsversuch oder seine Unterlassung
eher im Interesse des Bewusstlosen liegt.

Für solche Fälle empfehle ich die Regel:
Im Zweifelsfalle für das Leben !

Begründung:
Wenn ein Mensch gestorben ist,
dann ist das nicht mehr rückgängig zu machen.
Wenn er überlebt hat,
dann hat er im Allgemeinen die Möglichkeit,
doch noch einen Weg
zu einem baldigen selbstbestimmten Sterben zu finden.

 
Gesichtspunkt 4 (zwischen Leben und Tod hängen bleiben):

Nach einem Selbsttötungsversuch kann jemand
gleichsam „zwischen Leben und Tod hängen bleiben“,
d. h. zwar am Leben, aber nicht mehr entscheidungsfähig –
ein Zustand, der für viele höchst unerwünscht ist.
Diese Feststellung hilft dem Finder oft wenig,
die richtige Entscheidung im Interesse des Bewusstlosen zu fällen.
Denn einerseits kann es sein,
dass jemand in den beschriebenen Zustand gerät,
weil Rettungsversuche zwar das Leben erhalten konnten,
nicht aber die Entscheidungsfähigkeit.
Aber andererseits kann es auch sein,
dass jemand ohne Rettungsversuche zwar überlebt,
aber seine Entscheidungsfähigkeit verliert,
die mit rasch eingeleiteten Rettungsversuchen
vielleicht hätte erhalten werden können.
Der Laie wird da oft im Zweifel sein,
und nicht selten auch ein Arzt.

Auch für solche Fälle weiß ich keine bessere Empfehlung als:
„Im Zweifelsfalle für das Leben !“

Allerdings gibt es einen Fall, für den ich in aller Regel
für Rettungsversuche plädieren würde:
nämlich für den Fall, dass der Bewusstlose
nach Einnahme der tödlichen Substanz sich übergeben hat.
Denn dann besteht eine nicht unbeträchtliche Wahrscheinlichkeit,
dass der Bewusstlose überleben würde,
ob mit Rettungsversuchen oder ohne.
Rettungsversuche können aber dazu beitragen,
dass der Bewusstlose in einem möglichst guten Zustand überlebt,
vor allem, dass er nicht „zwischen Leben und Tod hängen bleibt.“
So bekommt der Überlebende die Möglichkeit,
seine Entscheidung gegen das Leben zu überdenken –
und er bekommt die Möglichkeit
zu einem erneuten Selbsttötungsversuch.
So paradox das klingt:
Rettungsversuche können dazu beitragen,
dass jemand seinen Wunsch, bald zu sterben, verwirklichen kann.

Und wenn jemand ausdrücklich erklärt hat,
dass er keine Rettungsversuche wünscht?
Ich gehe davon aus, dass ein Mensch bei solchen Erklärungen
gewöhnlich an den Fall denkt,
dass er ohne Rettungsversuche sterben würde.
Es ist also zu bezweifeln,
dass diese Erklärungen sich auch auf Situationen beziehen,
in denen eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit
für ein Überleben auch ohne Rettungsversuche spricht.

 
Gesichtspunkt 5 (Zweifel):

„Im Zweifelsfalle für das Leben !“, das hört sich gut an.
Aber Achtung:
Dieser Satz lässt sich unterschiedlich interpretieren.
Letzte Zweifel lassen sich manchmal nie ganz ausräumen.
Aber wenn selbst solche letzten Zweifel ein Grund sein sollen,
eine Entscheidung „für das Leben“ eines anderen Menschen zu rechtfertigen,
dann besteht die Gefahr,
dass das Recht auf Sterben
damit praktisch weitgehend außer Kraft gesetzt werden kann.

Nein, wenn das Recht auf Sterben gewahrt werden soll,
dann müssen die Zweifel, die vielleicht eine Entscheidung
„für das Leben“ eines anderen Menschen rechtfertigen könnten,
schon besser begründet sein.
„Man weiß ja nie“,
das allein reicht nicht, um handlungsrelevante Zweifel zu begründen.
Dazu müssen schon Fakten her,
Fakten zur Untermauerung von relevanten Argumenten.
Dann können diese Argumente
gegen die Argumente der anderen Seite abgewogen werden.

Es ist also Vorsicht geboten bei einigen Formulierungen.
Wenn von Zweifelsfällen gesagt wird,
sie könnten eine Entscheidung „für das Leben“
eines anderen Menschen rechtfertigen,
dann muss den Lesern oder Zuhörern klar sein,
welche Art von Zweifelsfällen gemeint ist:
Fälle von Zweifeln, die durch Fakten begründet sind,
und nicht etwa jene letzten Zweifel nach dem Motto „Man weiß ja nie“.
Damit man möglichst nicht jenen in die Hände spielt,
die das Recht auf Sterben
praktisch weitgehend außer Kraft setzen wollen.

 
Gesichtspunkt 6 (Entscheidungshilfen):

Wenn ein aktueller Abschiedsbrief
in leicht auffindbarer Weise bereit liegt,
dann kann das wichtige Hinweise liefern.
Zum einen natürlich darauf,
dass es sich tatsächlich um einen Selbsttötungsversuch handelt.
Zum anderen kann die Qualität des Abschiedsbriefes Aufschlüsse geben:
Ein sorgfältig formulierter, durchdacht wirkender Abschiedsbrief
kann für einen wohlüberlegten Selbsttötungsversuch sprechen,
während wenige, rasch hingekritzelte Worte
eher eine Kurzschlusshandlung wahrscheinlich erscheinen lassen.

Darüber hinaus kann es für einen Laien eine große Hilfe sein,
wenn er den Rat von Fachleuten einholen kann oder vorliegen hat.
Nur: Wo kann er solchen Rat bekommen?

Ideal wäre die Einrichtung von Suizidkonfliktberatungsstellen,
vergleichbar den Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen,
wo Ratsuchende sich ergebnisoffen beraten lassen könnten.
Das Angebot dieser Beratungsstellen
würde sich in erster Linie an Sterbewillige richten.
Danach könnten Bescheinigungen vergeben werden,
z. B. Bescheinigungen, dass eine solche Beratung stattgefunden hat.
Und Bescheinigungen, die mehr über den Ratsuchenden aussagen:
Wäre es richtig, nach einem Selbsttötungsversuch
auf Rettungsversuche zu verzichten,
wenn der Ratsuchende dies ausdrücklich gewünscht hat?
Und: Kann der Ratsuchende
ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung erhalten?

Letzteres könnte eines der wichtigsten Motive sein,
die Sterbewillige in solche Beratungsstellen führt –
vorausgesetzt, der Gesetzgeber gibt den Beratungsstellen
unter bestimmten Voraussetzungen das Recht,
Bescheinigungen auszustellen,
nach denen jeder davon ausgehen darf,
dass ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung in diesem Fall zulässig ist.

Diese Beratungsstellen könnten, soweit sie es leisten können,
außerdem Beratung von Angehörigen und Freunden anbieten,
wie man am besten damit umgeht,
wenn jemand Selbsttötungsabsichten geäußert hat.
Und eventuell Hilfen bei der seelischen Verarbeitung
einer Selbsttötung von Angehörigen oder Freunden.

Etwas Ähnliches wie die beschriebenen Beratungsstellen
habe ich übrigens auf meiner Homepage vorgeschlagen [hier].

Beratungsstellen befürwortet auch
die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS):

DGHS-Initiative Beratungsstellen vorgestellt

Staatlich geförderte und geprüfte Beratungsstellen
sollen nach Vorstellung der DGHS helfen,
Kurzschlusshandlungen zu vermeiden.
Bei einer Pressekonferenz am 15. November 2012 in Berlin
stellte DGHS-Präsidentin Elke Baezner einen Gesetzentwurf
für ein Suizdpräventions-Gesetz SPG
Disclaimer vor,
das dafür die Grundlage bilden soll.
       (Startseite,Stand 28.11.2012
Disclaimer)

Der Gesetzentwurf enthält eine Reihe von bedenkenswerten Einzelheiten.

 
Fazit:

Was auch immer man von meinen Vorschlägen und Gesichtspunkten
halten mag, eines scheint mir doch aus dem Obigem hervorzugehen:
Es gibt keine allgemeingültige Lösung,
die in jedem Falle angemessen wäre.
Oft erfordert ein Einzelfall eine Entscheidung,
ob das, was man normalerweise für richtig hält,
auch in diesem Fall am besten
den Interessen eines Sterbewilligen dient.

Und immer wieder geht es darum,
wie der augenblickliche Wille
und das mutmaßliche längerfristige Interesse
gegeneinander abzuwägen sind.

  
Braunschweig, den 16. Oktober 2012,
überarbeitet am 29.-30. Dezember 2012

Irene Nickel

***             

Ein interessanter Aufsatz in diesem Zusammenhang:
Norbert Hoerster: Ethische Überlegungen zur Sterbehilfe
Disclaimer

 

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