Leserbrief zu
   „Lehrer hoffen, dass die Rechtschreibreform nicht umgestürzt wird“,
   Frankfurter Rundschau vom 1.8.2000,
sowie zu
   „Minister bleiben bei neuen Regeln“,
   Frankfurter Rundschau vom 28.7.2000,
veröffentlicht am 9.8.2000
   (leicht gekürzt, nicht angedruckter Text in
blauer Schrift)

Irene Nickel

Rechtschreibreform – dabei bleiben!

Mit den Grundschullehrerinnen, und mit allen Freunden von Kindern und von Menschen mit Lese- und Schreibschwächen,
hoffe ich, dass es bei der neuen Rechtschreibung bleiben wird.
Denn die alte Rechtschreibung war kinderfeindlich und behindertenfeindlich. Schulanfänger, geistig Behinderte und andere Menschen mit Lese- und Schreibschwächen mussten sich unnötig plagen, wenn sie einem Wort mit „ß“ nicht ansehen konnten, ob es mit einem langen oder mit einem kurzen Vokal gesprochen wird. Sie hatten unnötige Schwierigkeiten mit dem richtigen Schreiben, wenn ein Wort zwar im Plural mit „ss“, im Singular aber mit „ß“ geschrieben wurde. Und viel Zeit wurde auf das Üben unsinniger Regeln verschwendet. Warum sollte man „st“ nicht trennen, wenn die Aussprache es nahelegt? Erst recht unerfindlich ist, warum „Stofffetzen“ mit 2 „f“ geschrieben werden sollte, „Stoffflicken“ aber mit 3 „f“; man könnte fast auf den Gedanken kommen, diese Regel wäre von böswilligen Deutschlehrern eigens zu dem Zweck erfunden worden, Schüler zu schikanieren. Es ist gut, wenn jetzt Schluss ist mit diesem Unsinn.

Roland Koch hat völlig Recht mit seiner Bemerkung, Schüler, Lehrer und Eltern sollten nicht unnötig Wechselbädern ausgesetzt werden. Mein 20-jähriger Sohn musste Zeit und Mühe darauf verwenden, die neue Rechtschreibung zu erlernen. Er würde sich verschaukelt fühlen, wenn das jetzt alles umsonst gewesen wäre. Die Solidarität mit ihm und anderen jungen Menschen ist ein weiterer Grund, bei der neuen Rechtschreibung zu bleiben.

                                        * * *

Anmerkung:

Am 1. August 2006 ist die neue deutsche Rechschreibung in überarbeiteter Form in Kraft getreten.

Ich freue mich über die Überarbeitung.
Die neue Rechtschreibung
war zwar von Anfang an wesentlich besser als die alte,
aber ein paar kleinere Nachteile hatte sie anfangs mit sich gebracht.

Beispielsweise fand ich es unsinnig,
dass „sogenannt“ nicht mehr in einem Wort geschrieben werden sollte.
Schließlich hat das Wort nicht nur die Bedeutung,
die sich aus seinen Bestandteilen ergibt:
Es bedeutet nicht nur, dass etwas so genannt wird,
es bedeutet, dass etwas zu Unrecht so genannt wird.
Jetzt, nach der Überarbeitung,
ist „sogenannt“ in einem Wort wieder erlaubt,
und diese Schreibweise wird im DUDEN empfohlen.

Die Überarbeitung hat Nachteile dieser Art ausgeräumt.
In ihrer jetzigen Form ist die neue deutsche Rechtschreibung
noch eindeutiger der alten vorzuziehen.
 

Bleiben noch Wünsche offen?

Bei mir nur einer:
Es sollte noch mehr Fälle geben,
in denen die Schreibweise freigestellt ist.
Vor allem in Fragen der Groß- und Kleinschreibung
sowie der Getrennt- und Zusammenschreibung.

Wer ist da nie unsicher?
Wer müsste nicht dann und wann
Einzelfälle nachschlagen und/oder auswendig lernen?

Das müsste nicht sein.
Wo gutes Sprachgefühl und gute Kenntnis der allgemeinen Regeln nicht genügen, um die „richtige“ Schreibweise eindeutig festzustellen, da sollte nicht nur eine Schreibweise als richtig gelten.
 

Freiere Regeln wären hilfreich.
Wichtiger noch wäre eine andere Einstellung zur Rechtschreibung:
Viel zu oft werden Menschen
für dumm gehalten und nicht ernst genommen,
weil sie Rechtschreibfehler machen.
Solche Vorurteile sind nicht nur sachlich falsch,
sie sind auch unfair gegenüber den betroffenen Menschen.

In Fragen der Rechtschreibung
brauchen wir vor allem eines:
mehr Toleranz.
 

Braunschweig, den 4. Januar 2007

Irene Nickel

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