Leserbrief zur
WELT vom 18.5.2008,
„Ist Religion immer totalitär?“

Irene Nickel

Die Schätze heben,
die unsere Kultur hervorgebracht hat

„Ein Vierteljahrtausend nach der europäischen Aufklärung ...“, schreibt Alan Posener. Und doch sind die Errungenschaften dieser Aufklärung, in Deutschland jedenfalls, noch lange nicht zum Allgemeingut geworden. Für die freie und kontroverse Diskussion, auch von religiösen Fragen, gibt es hierzulande allzu wenig Wertschätzung.

Stattdessen hält sich die Vorstellung, es wäre kein gutes Benehmen, gläubigen Menschen unbequeme Fragen zu ihrem Glauben zu stellen. Man sollte diesen Menschen „nicht ihren Glauben nehmen“, heißt es manchmal. Gerade so, als ginge es darum, kleinen Kindern nicht den Glauben an den Weihnachtsmann zu nehmen. Es ist kein Zeichen von Respekt, gläubige Menschen derart wie kleine Kinder zu behandeln. Es ist ein Zeichen von Respektlosigkeit, wenn man gläubigen Menschen nicht die Fähigkeit zutraut, sich in Glaubensfragen ihr eigenes Urteil zu bilden – auch und gerade dann, wenn sie neben den Argumenten ihrer Glaubensgenossen auch die Argumente von Andersdenkenden zu hören bekommen haben.

Ja, wir brauchen den Mut, religiöse Aussagen radikal infrage zu stellen. Und wir brauchen die Bereitschaft und den politischen Willen, längst gestellte Fragen und längst vorgebrachte Argumente
in breiteren Kreisen der Bevölkerung bekannt zu machen.

Das beginnt in der Schule. Es genügt nicht, wenn Kinder nur den Religionsunterricht der Religionsgemeinschaft ihrer Eltern besuchen, und wenn sie dort nur oder hauptsächlich das zu hören bekommen, was aus Sicht dieser Religionsgemeinschaft für die betreffende Religion spricht. Mehr als genug Menschen in Deutschland sind dieser Manipulation durch einseitige Information ausgesetzt gewesen (wie auch ich). Mehr als genug Menschen haben nie etwas davon gehört, welche Argumente von der Gegenseite vorgebracht wurden, von bedeutenden Religionskritikern wie Voltaire oder Bertrand Russell. Viele Menschen haben nie von der vernichtenden Kritik gehört, die der bedeutende – und gläubige! – Philosoph Immanuel Kant an verbreiteten christlichen Vorstellungen geübt hat: an sogenannten „Gottesbeweisen“ sowie an Versuchen, Erklärungen dafür beizubringen, was einen allmächtigen und gütigen Gott veranlasst haben könnte, eine Welt zu erschaffen, in der es so viel Böses und so viel Leiden gibt. Und viele Menschen haben nie von all den Ergebnissen der textkritischen Forschungen gehört, durch die die Vorstellung ad absurdum geführt wird, dass irgendeine Bibel oder irgendein Koran die fehlerfreie Kopie eines ursprünglichen Textes sein könnte, der von angesehenen Personen verfasst worden wäre, z. B. von Aposteln, von Evangelisten oder von „dem“ Propheten.

Es ist an der Zeit, dass wir all die Schätze heben, die unsere Kultur hervorgebracht hat, und dass wir sie breiten Kreisen der Bevölkerung zugänglich machen. Wir brauchen – in ganz Deutschland – einen Schulunterricht, der alle Schülerinnen und Schüler über die wichtigsten Religionen informiert, über Alternativen wie Atheismus und Agnostizismus, und der, in den höheren Klassen, die Möglichkeit bietet, die wichtigsten Argumente für und wider diese Auffassungen kennen zu lernen und zu diskutieren.

Wir brauchen diesen Schulunterricht – als Pflichtunterricht für alle Schülerinnen und Schüler – damit möglichst viele junge Menschen das geistige Rüstzeug erwerben, um in Diskussionen mit Fundamentalisten ihre Position gut vertreten zu können. Wir brauchen diesen Schulunterricht aber auch, um junge Menschen in die Lage zu versetzen, ihre eigene Entscheidung in religiösen Fragen auf der Grundlage vielfältiger Kenntnisse zu fällen. Das ist ein Stück Freiheit vom Zufall der Geburt, durch den viele Menschen zunächst einer einseitigen Beeinflussung ausgesetzt sind. Es ist ein Stück der Mündigkeit, die in der europäischen Aufklärung als Ziel formuliert wurde, und die es zu fördern gilt, wenn wir die besten Elemente unserer Kultur bewahren wollen.

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URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/schaetze_der_kultur.htm


   

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