Irene Nickel

Recht auf Schule

Leserbrief zu
„Schulboykotteure. Schule schwänzen, weil der Herr es so will“,
Süddeutsche Zeitung vom 31.8.2006

Kinder haben ein Recht auf Schulunterricht. Weil Kinder ein Recht haben auf einen guten Start ins Leben. Deshalb haben staatliche Stellen die Pflicht, dafür zu sorgen, dass alle Kinder guten Schulunterricht erhalten. Dies darf nicht an religiösen Sonderwünschen der Eltern scheitern.

„Schulunterricht zu Hause“ ist in Deutschland zu Recht nicht vorgesehen. Schon deshalb nicht, weil Schule nicht nur der Wissensvermittlung dient, sondern auch ein Ort sozialen Lernens ist, ein Ort der Übung im Umgang mit Gleichaltrigen. Das ist gerade für die Kinder wichtig, deren Eltern von dem Wunsch beseelt sind, ihre Kinder in allen Lebensbereichen von der Außenwelt abzuschotten.

Außerdem ist die Qualität von „Schulunterricht zu Hause“ schwer zu kontrollieren. Eine Überprüfung der Leistungen der Schüler würde erst dann greifen, wenn sich Defizite zeigen – wenn also bereits Schaden angerichtet ist.

Privatschulen sind nur dann eine akzeptable Alternative, wenn sie hohen Qualitätsstandards genügen. Das bedeutet, dass sie bestimmten Elternwünschen nicht nachgeben dürfen. Beispielsweise in der Frage der Evolution: Es darf nicht dazu kommen, dass junge Menschen zum Gespött ihrer Altersgenossen werden, wenn sie im Ernst die Schöpfungsgeschichte der Bibel für die Entstehungsgeschichte der Welt halten. Und erst recht in Fragen des Sexualkundeunterrichts: AIDS und unerwünschte Schwangerschaften drohen, wenn junge Menschen nicht darüber aufgeklärt werden, wie sie sich wirksam davor schützen können. Mutwillig werden sie tödlichen Gefahren ausgesetzt, wenn sie stattdessen nur Ermahnungen zur Enthaltsamkeit zu hören bekommen. Ermahnungen, von denen allgemein bekannt ist, wie wenig man sich auf ihre Befolgung verlassen kann.

Wir dürfen nie vergessen: Junge Menschen haben ein Recht auf „Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit“ (SGB VIII 1a, § 1 Absatz 1). Sie haben ein Recht auf die Informationen, die ihnen eigenverantwortliche Entscheidungen ermöglichen. Sie haben ein Recht zu erfahren, dass es Alternativen gibt zur „Welt der Bibel“, nicht zuletzt im Bereich von Religion und Sexualität. Staatliche Stellen sind in der Pflicht, allen jungen Menschen die Möglichkeit zu verschaffen, unterschiedliche Alternativen kennen zu lernen und sich ihr eigenes Urteil zu bilden.

* * *

Leserbrief zu
„Urteile, die Eltern interessieren. Religionsfreiheit“,
spielen und lernen Heft 9/2003

Das war ein Urteil zum Schaden junger Menschen.
Ihnen entgeht viel, wenn sie nicht in der Schule unterrichtet werden, sondern in einem Elternhaus, wo ihnen nur das geboten wird, was den extrem engstirnigen Eltern ins Weltbild passt.
Es fehlt an zutreffenden Informationen und vielfältigen Anregungen. Wo bleibt da das Recht junger Menschen auf „Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit“ (...)?

Wissenslücken bleiben nicht folgenlos. ...

Selbst wenn die jungen Menschen von Katastrophen wie AIDS oder unerwünschter Schwangerschaft verschont bleiben, kann die Entwicklung ihrer Persönlichkeit in wichtigen Bereichen Schaden nehmen. Wenn Eltern ihre Kinder mit den Auffassungen des Paulus aufwachsen lassen, der im „Fleisch“ nur die „Sünde“ sah (Römer 7,14 ff), impfen sie ihnen ein tiefes Misstrauen gegen die eigenen Gefühle ein. Wie sollen die jungen Menschen da lernen, auf ihr Gefühl zu hören? Wie sollen sie lernen, ihr Gefühl in angemessener Weise in ihre Entscheidungen einzubeziehen, sodass es ihnen als Wegweiser zum Glück dienen kann, aber auch als Schutz vor bösen Erfahrungen? Und wie sollen junge Menschen zu einer selbstbestimmten Sexualität finden, wenn niemand ihnen das Wissen vermittelt, dass es Alternativen gibt zu einer durch religiöse Gebote fremdbestimmten Sexualität?

Gerade diese jungen Menschen hätten es nötig, dass ihnen in der Schule Alternativen vorgestellt werden. Es ist traurig, wenn Eltern ihren Kindern diese Chance vorenthalten wollen. Es ist noch trauriger, wenn sie dafür auch noch die Unterstützung eines Richters finden.

Den zweiten Leserbrief habe ich etwas gekürzt,
um Dubletten zu vermeiden.

Irene Nickel

* * *

Ein erfreuliches Urteil:

Es ging um ein Ehepaar in Paderborn,
das seine Kinder nicht zur Schule geschickt hatte.
Aus Glaubensgründen –
sie gehörten der freikirchlich-evangelischen Glaubensgemeinschaft der Baptisten an,
und sie hatten vor allem etwas gegen den Sexualkundeunterricht.
Die Kinder waren nach Österreich gebracht worden
und dort von der Mutter zu Hause unterrichtet worden.

Ein Familiengericht hatte den Eltern
das Sorgerecht in Schulangelegenheiten und das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen –
ein Urteil, das nun vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde.

Quelle: SPIEGEL, 16.11.2007 Disclaimer

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