Leserbrief zu
„Der Bürger als Maß der Politik“, Frankfurter Rundschau vom 10.6.96,
veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 24.6.1996 (vollständig)

Irene Nickel

Sozialstaat mit Rechtsansprüchen, nicht mit Almosen !

Die Almosengesellschaft ist wahrhaftig nicht die moderne Alternative zum Sozialstaat. Um die notwendigen sozialen Leistungen aufzubringen, wird das Geld von hartnäckigen Egoisten ebenso gebraucht wie das aller anderen Leute. Wollte man die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Egoisten dadurch ausgleichen, dass Menschen mit sozialem Verantwortungsbewusstsein mehr zahlen, dann entstünde eine groteske Situation: Egoismus würde belohnt, soziales Verantwortungsbewusstsein bestraft.

Auch für die Empfänger sozialer Leistungen ist der Sozialstaat unentbehrlich. Durch Rechtsansprüche werden sie vor der demütigenden Situation bewahrt, um die sozialen Leistungen betteln zu müssen.

Durch Selbstorganisation in freiwilligen Zusammenschlüssen können einige Bürger ihre Probleme lösen, andere nicht. Auch dann, wenn die Probleme die gleichen sind. Beispielsweise kann ein Kreis von finanzstarken Eltern einen Kindergarten gründen, Gebäude anmieten, Kindergärtnerinnen anstellen. All das ist unerschwinglich für Eltern, denen im kommunalen Kindergarten die niedrigsten Beitragssätze gewährt werden müssten. Neben dem Geld entscheiden andere Faktoren über die Möglichkeit von Selbstorganisation. Es soll Frauen geben, die ohne weiteres damit zurechtkommen, neben dem eigenen Zweijährigen und dem eigenen Baby noch zwei ebenso junge Kinder einer anderen Frau zu betreuen. Diese tüchtigen Frauen können sich mit ihresgleichen zur Selbstorganisation einer Kinderbetreuung auf Gegenseitigkeit zusammenschließen. Pech für die Frauen, die nicht so tüchtig sind. Ich selbst habe mich schon überfordert gefühlt, als ich zusätzlich zu meinem Zweijährigen und meinem Baby den Zweijährigen einer Bekannten betreuen sollte. Obwohl das Kind mich, meine Kinder und meine Wohnung kannte, fühlte es sich nicht wohl und verhielt sich entsprechend. Ich war heilfroh, dass an diesem Tag zufällig mein Mann später zur Arbeit musste und sich um das unzufriedene Kind kümmern konnte, während ich mein Baby versorgte.

Das Ideal der freiwilligen Selbstorganisation spaltet die Gesellschaft auf in Menschen, die mithalten können, und solche, die es nicht können. Wenn den letzteren die Selbstorganisation der Starken und Tüchtigen als Vorbild vorgehalten wird, dann ist das unfair und demütigend. 

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