Leserbrief zu
Frankfurter Rundschau vom 23.2.2001,
„Hildebrandt-Äußerung löst Kontroverse in SPD aus“
veröffentlicht am 9.3.2001 (vollständig)

Irene Nickel

Aktive Sterbehilfe:
Regine Hildebrandt forderte Legalisierung

Regine Hildebrandts Eintreten für die aktive Sterbehilfe verdient Dank. Nur zu gern setzen sich viele Verantwortliche in der Politik – wie Margot von Renesse und Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin – über den Wunsch einer Mehrheit der Bevölkerung hinweg, ein Gesetz zu schaffen, das aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen zulassen würde. Ein Gesetz, das vielen Menschen die Angst nehmen könnte, an ihrem Ende einem sinnlos gewordenen Leiden hilflos ausgeliefert zu sein – und das zugleich den Schutz vor Missbrauch und vorschneller Anwendung von Sterbehilfe verbessern könnte.

Ein kategorisches Verbot der aktiven Sterbehilfe vergrößert die Gefahr der illegalen Sterbehilfe. Gesetzwidriges Handeln wird nicht mehr als Unrecht empfunden, wenn die Gesetze verbieten, den Geboten der Humanität und der Solidarität mit leidenden Menschen zu folgen. Wer seinem Gewissen folgt und illegal Sterbehilfe leistet, kann mit dem Verständnis und mit der Schweigsamkeit vieler Menschen rechnen.

Die Neigung, in jeder illegalen Sterbehilfe einen Akt der Humanität zu vermuten, schützt freilich nicht nur den Gewissenstäter. Sie schützt auch den, der Missbrauch treibt. Auch er kann damit rechnen, dass nicht jeder Verdacht zu Nachforschungen führt oder gar zu einer Anzeige. Um die soziale Kontrolle, die gewöhnlich gesetzwidrigem Handeln entgegenwirkt, wieder in Kraft zu setzen, muss das Gesetz erlauben, den Geboten der Humanität und der Solidarität mit leidenden Menschen zu folgen, wenn nötig, durch aktive Sterbehilfe.

Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe könnte auch die Gefahr einer vorschnellen Anwendung von Sterbehilfe verringern. Denn dann müsste die Sterbehilfe nicht mehr auf dem einsamen Entschluss eines einzelnen Menschen beruhen, sondern könnte ganz offiziell mit geeigneten Fachleuten beraten werden.

So könnte besser geprüft werden, ob eine Bitte um Sterbehilfe wirklich auf einem ernsthaften und dauerhaften Entschluss beruhte, also keine Kurzschlusshandlung war. Es könnte außerdem besser überprüft werden, ob die Bitte des Patienten auf zutreffenden Vorstellungen über den weiteren Verlauf seiner Krankheit beruht, und ob die Möglichkeiten der Behandlung schon ausgeschöpft sind. Es wäre ja denkbar, dass bestimmte Behandlungen bislang nicht vorgeschlagen wurden, weil Ärzte das Risiko, daran zu sterben, für zu hoch hielten; dieselben Behandlungen könnten erwägenswert werden, wenn der Patient lieber sterben will, als weiterleben wie zuvor.

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