Lexikon:
aktive Sterbehilfe, passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe, Beihilfe zur Selbsttötung

Die wichtigsten Argumente in Kürze unter:
Aktive Sterbehilfe: Regine Hildebrandt forderte Legalisierung

Irene Nickel

Missbrauch vermeiden – Sterbehilfe legalisieren!

Aktive Sterbehilfe abzulehnen,
das ist bei führenden Politikern in Deutschland
eine weitverbreitete Haltung.

„Aktive Sterbehilfe
ist indes, nicht zuletzt nach den bisherigen Ergebnissen der Enquete-Kommission des Bundestages
„Ethik und Recht der modernen Medizin“,
in Deutschland auch in Zukunft nicht hinnehmbar.

Ihre Legalisierung ist zuletzt durch einen nahezu einstimmig gefassten Beschluss der Herbstkonferenz der Justizministerinnen und Justizminister vom 17. November 2005
wegen der Unantastbarkeit fremden Lebens,
wegen der Gefahr eines Dammbruchs beim Lebensschutz und
wegen der Sorge vor einem Missbrauch
entschieden abgelehnt worden.“

So wird die Situation beschrieben
in
Drucksache 230/06 Disclaimer des deutschen Bundesrats.

„Aktive Sterbehilfe“ und „Missbrauch“
sind Stichworte, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Doch sie kennzeichnen nur einen Teil eines umfassenderen Problemfeldes:

Aktive Sterbehilfe
ist nicht die einzige Form der Hilfe zum Sterben:
Daneben gibt es die Beihilfe zur Selbsttötung,
die „passive Sterbehilfe“ und die „indirekte Sterbehilfe“.

Missbrauch
kann bei jeder Form der Hilfe zum Sterben vorkommen.

Und nicht nur Missbrauch.
Gefährlich werden kann es nicht nur da,
wo Menschen an bewussten Missbrauch denken,
d. h. daran, die Möglichkeiten der Hilfe zum Sterben
absichtlich bei Menschen einzusetzen, die gar nicht sterben wollen.

Ungerechtfertigter Gebrauch
von Möglichkeiten der Hilfe zum Sterben
kann auch aus anderen Gründen vorkommen:

        falsche Vorstellungen über die medizinischen Möglichkeiten,
eine Besserung des körperlichen Zustandes herbeizuführen
bzw. eine Verschlechterung zu verhindern

        fehlgeleitetes Mitleid,
falsche Vorstellungen darüber, was ein Patient wirklich will

        psychische Überforderung,
Kurzschlussreaktionen

Dem ganzen Problemfeld soll hier die Aufmerksamkeit gelten:

Was bietet mehr Schutz
gegen ungerechtfertigten Gebrauch
von Möglichkeiten der Hilfe zum Sterben?
Aktive Sterbehilfe strikt verbieten –
oder legalisieren und gesetzlich regeln?

 
Überblick:

Für und Wider:

Das Dammbruch-Argument

Das Ventil-Argument

Muss es aktive Sterbehilfe sein?

Zeit für eine neue Orientierung:
Respekt vor dem Willen des leidenden Menschen

Respekt für jeden Leidenden

Druck auf leidende Menschen?

Gefahren, wenn Sterbehilfe illegal ist ...

Missbrauch und leichtfertiger Gebrauch

Unfallgefahr

Selbsttötung – bevor es zu spät dazu ist?

Schutz, wenn Sterbehilfe legal ist ...

Informationen über die medizinische Seite

Pflege

Fragen der Lebensgestaltung

Verstehen, was der Patient will

Ergebnisoffenheit von Gesprächen

Andeutungen und Missverständnisse

Fachkundige Begleitung erster Gespräche mit Angehörigen

Wenn andersartige Motive für eine Selbsttötung hinzukommen

Druck von Angehörigen – Sorge um Angehörige

Passive Sterbehilfe durch Angehörige

Beihilfe zur Selbsttötung durch Angehörige

Voraussetzungen für eine gute Schutzwirkung

 
Das Dammbruch-Argument

Aktive Sterbehilfe müsse verboten sein und bleiben,
fordern ihre Gegner. Häufig mit der Begründung,
anderenfalls drohe ein „Dammbruch beim Lebensschutz“.

„Unantastbar“ müsse fremdes menschliches Leben sein,
jede Tötung auf Verlangen müsse als Unrecht gelten.
Diese Norm schütze nicht nur diejenigen,
die – voreilig oder unter Druck – nach aktiver Sterbehilfe verlangen,
sondern auch diejenigen,
die nie danach verlangt haben und nie danach verlangen wollen.

Um diesen Schutz zu bieten,
müsse diese Norm fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sein.
Das sei nicht mehr gesichert,
wenn man einmal damit anfinge, Ausnahmen zuzulassen.

Aber hat diese strikte Norm tatsächlich diese Schutzwirkung?

Ein Damm kann seine Schutzwirkung verlieren,
wenn er an nur einer Stelle bricht –
und er kann seine Schutzwirkung verlieren,
wenn er unterspült wird.
Die Schutzwirkung einer Norm kann abnehmen,
wenn die Ausnahmen überhand nehmen –
und sie kann abnehmen,
wenn immer weniger Menschen davon ausgehen,
dass es gut sei, sich nach dieser Norm zu richten.

Die Norm, nach der jede Tötung auf Verlangen als Unrecht gilt,
ist längst unterminiert.
Längst hört man scharfe Kritik daran,
dass man Menschen lange leiden lässt,
während man einem Hund eher den Gnadentod gewährt.

Gelegentlich liest man von erschreckenden Äußerungen,
erschreckend nicht nur für die Gegner der Hilfe zum Sterben:

Carmen Spada, eine krebskranke Frau aus Perth in Australien,
war eine der ersten, die den Todes-Computer von Dr. Nitschke gekauft hatte. Am 9. Mai 1996 sagte sie im Fernsehen:

"Die Menschen, die gegen Euthanasie sind, wissen nicht,
was Schmerzen sind. Wenn Sie einen Hund haben,
der unheilbar krank ist, lassen Sie ihn ja auch einschläfern.
Ich sehe da keinen Unterschied."
In ihrer Sprache: "I see no difference."

Aus dem Internet, gespeichert am 18.10.2008 Disclaimer

Gnadentod ohne Unterschied,
ob wir einen Hund vor uns haben
oder einen Menschen,
der uns sagen kann, was er nach reiflicher Überlegung will?

Dann bestünde die Gefahr,
dass Menschen getötet würden, die gar nicht sterben wollen.

Es ist wichtig, Menschen vor dieser Gefahr zu schützen.
Dabei kann es helfen, wenn die Menschen sich aus eigenem Antrieb
an bestimmte Verhaltensnormen halten.
Die Frage ist nur:
Welche Verhaltensnormen sollten das sein?
Welche wären am wirksamsten?

Die Norm, dass jede Tötung auf Verlangen abzulehnen sei,
wird längst nicht mehr allgemein akzeptiert.

Was hilft es, einen Damm da zu befestigen,
wo er schon unterspült ist?
Ein Damm, der dauerhaften Schutz bieten soll,
muss auf einem Fundament errichtet werden, das zu halten verspricht.
Also unter Umständen anderswo als bisher.

Was verspricht man sich davon, das Gesetz einzusetzen,
um eine Norm zu stützen, die weithin nicht mehr akzeptiert wird?
Ein Gesetz mag helfen können, eine Norm zu stützen,
wenn die Menschen sie ohnehin für gut halten,
oder wenn sie mit Argumenten davon überzeugt werden können,
dass es sich um eine gute Norm handelt.
Aber wenn die Menschen aus guten Gründen überzeugt sind,
dass eine Norm im Falle strikter Einhaltung grausam und inhuman ist,
dann wird kein Gesetz der Welt sie veranlassen können,
die Norm in dieser strikten Form innerlich zu akzeptieren.

Es ist ein gefährliches Unterfangen,
eine Norm per Gesetz ohne jede Ausnahme durchzusetzen,
wie grausam und inhuman das im Einzelfall auch sein mag.
Es kann dazu führen,
dass die gesamte Norm als grausam und inhuman empfunden wird,
und dass die Bereitschaft wächst, die Norm zu umgehen.
So kann die Norm auch diejenigen weniger schützen,
die zu Recht geschützt werden sollen:
die Menschen, die gar nicht sterben wollen.

 
Das Ventil-Argument

Ein Ventil kann dafür sorgen,
dass Dampf oder Gas entweichen kann,
und so verhindern,
dass sich zu viel Druck aufbaut, der Behälter zerstört wird,
und Dampf oder Gas sich unkontrolliert ausbreiten
und Schaden anrichten kann.

Ausnahmen von einer Norm können dafür sorgen,
dass Gründe zur Ablehnung der Norm wegfallen,
und so verhindern,
dass die Ablehnung der Norm für bestimmte Einzelfälle
in eine Ablehnung der gesamten Norm umschlägt.

Manch eine Norm,
die bei strikter Anwendung auf sämtliche Einzelfälle problematisch wäre,
hat ihre positiven Aspekte,
und es kann wichtig sein, dass diese nicht ersatzlos entfallen.
Damit weiterhin geschützt wird,
was des Schutzes bedarf.

 
Muss es aktive Sterbehilfe sein?

Selbst Gegner der aktiven Sterbehilfe sind nicht selten der Meinung,
dass es für Menschen, die sterben wollen,
in bestimmten Fällen einen Weg dahin geben sollte.

Die katholische Kirche,
wendet sich zwar entschieden gegen aktive Sterbehilfe 1
sowie gegen „Selbstmord“ und Beihilfe zum „Selbstmord“ 2,
hält aber unter Umständen
die passive Sterbehilfe und die indirekte Sterbehilfe für zulässig. 3

In der Schweiz
ist die aktive Sterbehilfe verboten,
die Beihilfe zur Selbsttötung bleibt jedoch straflos,
sofern sie nicht aus einem eigennützigen Motiv erfolgt.

Reicht das?

Können die angesprochenen Alternativen –
passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe
und evtl. Beihilfe zur Selbsttötung –
den leidenden Menschen genug Entlastung bringen?
Sodass Ausnahmen vom Verbot der aktiven Sterbehilfe überflüssig werden?

Ich meine, nein.
Nicht jeder verzweifelte Mensch, der sterben will,
findet unter diesen Alternativen eine, die für ihn geeignet ist.
        mehr dazu unter Aktive Sterbehilfe und ihre Alternativen

Wichtig ist das auch für die alten oder kranken Menschen,
die noch nicht in dieser verzweifelten Situation sind,
aber Angst davor haben.
Wie Regine Hildebrandt, Ex-Sozialministerin von Brandenburg,
im Jahre 2001 seit viereinhalb Jahren an Krebs erkrankt,
das in einem Interview schilderte.
Auf die Frage „Haben Sie Angst?“ gab sie zur Antwort:

Vor dem Schicksal insgesamt nicht. Aber vor dem, was man vielleicht noch durchleiden muss. Nehmen Sie an, Sie haben Lungenmetastasen und bekommen keine Luft mehr und müssen warten, bis sie ersticken. Es ist für mich immer schon ein Problem gewesen, dass wir in Deutschland keine Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe haben. Die Holländer zum Beispiel sind uns da voraus. Nur noch ausgeliefert sein, nur noch leiden, ohne zu wissen, zu welchem Ziel hin – das ist für mich ein Horrorszenario.
Wieso muss ich da durch?
        Quelle: „Kinder, das gehört alles zum Leben“,
        Stern Archiv I Ausgabe: 9 I 22-02-2001 I Seite: 180 I
        Autor/in: *ANETTE LACHE* *FRANZISKA REICH*

 
Warum richtet sich Ablehnung speziell gegen aktive Sterbehilfe?

Warum machen ihre Gegner einen so großen Unterschied
zwischen aktiver Sterbehilfe einerseits
und passiver Sterbehilfe und indirekter Sterbehilfe andererseits?
Dass Menschen sterben, die eigentlich noch leben wollen,
das kann ja auch bei passiver oder indirekter Sterbehilfe vorkommen.

Trotzdem scheinen dieselben Menschen,
die bei aktiver Sterbehilfe vor einem „Dammbruch“ warnen,
bei passiver und indirekter Sterbehilfe weit weniger Befürchtungen zu hegen. Kaum je scheinen sie nach gesetzlichen Regelungen und Kontrollen zu rufen, die denen vergleichbar wären,
die von vielen Befürwortern des Rechts auf aktive Sterbehilfe
zum Schutz vor deren ungerechtfertigtem Gebrauch gefordert werden.

Kann es sein, dass einige Gegner der aktiven Sterbehilfe
sich mehr dafür interessieren,
was der Ausführende einer Handlung tut,
als dafür, was die Folgen für den Hauptbetroffenen bedeuten?
Kurz gesagt:
Interessieren sie sich mehr für den Täter
als für das Opfer?

Viele der Betreffenden argumentieren lieber,
dass es gerade dem Schutz der Hauptbetroffenen diene,
wenn eine Norm akzeptiert und durchgesetzt werde,
die bestimmte Handlungsweisen verbietet.

Aber warum sollten die Menschen eine Norm akzeptieren,
die menschliches Leben für „unverfügbar“ erklärt
und damit gerade die Hilflosesten unter den leidenden Menschen
dazu verurteilt, ein Leben zu ertragen,
das für sie zu einer unerträglichen und sinnlosen Last geworden ist?

Religiöse Gründe
spielen in der Argumentation bestimmter Kreise eine Rolle.
So heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche unter Nr. 2280:

Gott ist und bleibt der höchste Herr des Lebens.
Wir sind verpflichtet, es dankbar entgegenzunehmen
und es zu seiner Ehre und zum Heil unserer Seele zu bewahren.
Wir sind nur Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens,
das Gott uns anvertraut hat. Wir dürfen darüber nicht verfügen.

Eine religiöse Begründung ist natürlich ungeeignet,
Menschen zu überzeugen, die heute immer weniger bereit sind,
sich der Fremdbestimmung durch die Gebote einer Religion zu unterwerfen.
Eine religiöse Begründung ist heute – zum Glück! – ungeeignet,
einer Norm dazu zu verhelfen, allgemein akzeptiert zu werden.

Hinzu kommt, dass heute selbst religiöse Menschen
in großer Zahl der Meinung sind, in ihrer Religion
gehe es nicht um die wortwörtliche Befolgung religiöser Gebote,
sondern darum, „auf den Spuren des Krankenheilers Jesus –,
möglichst die Reduzierung und Beseitigung des Leidens“ anzustreben,
so der katholische Theologe Hans Küng. 4
Durchaus auch mit der Konsequenz eines Plädoyers
für die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen. 5

Auch ohne religiöse Bezugnahme
wird die Idee der „Unverfügbarkeit“ des menschlichen Lebens
des Öfteren vertreten.
Teilweise sicherlich von Menschen,
die durchaus religiöse Motive haben, das aber lieber nicht erwähnen,
damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen,
unabhängig von ihrer Einstellung zur Religion.
Teilweise dürften aber auch andere Motive eine Rolle spielen.

So schrieb Thomas Rachel 6, Bundestagsabgeordneter der CDU:

Sterben bedeutet regelmäßig Angst, Leid und Schmerzen. Selbstbestimmung kann uns weder die Furcht und den Schrecken davor nehmen noch sicherstellen, dass wir bis zuletzt menschenwürdig leben. Dennoch wird immer wieder die falsch verstandene Autonomie bemüht, als könnte sie der Schlüssel zur Lösung sein.

Selbstbestimmtes Sterben ist jedoch eine Fiktion.

Was Herr Rachel nicht nachvollziehen kann,
das erklärt er kurzerhand zur „Fiktion“.
Wenn eigene Ängste und eigene Bedürfnisse
so in andere Menschen hineinprojiziert werden,
dann wird es leicht,
die Existenz andersartiger Bedürfnisse bei anderen Menschen
einfach zu verleugnen.
Dann kann sich ein Gegner der aktiven Sterbehilfe
sogar noch als Verfechter der Interessen von Menschen fühlen,
denen er gerade die Berücksichtigung ihrer Interessen verweigern will.

Die Ängste, die Herr Rachel beschrieb,
sind vermutlich bei nicht wenigen Gegnern der aktiven Sterbehilfe zu finden.
Trotzdem gibt es andererseits nicht wenige Menschen,
die vor etwas anderem noch mehr Angst haben:
vor einem unerträglichen Leiden
ohne die Möglichkeit, stattdessen den Tod zu wählen.
Die Gefühle, die Herr Rachel beschrieb, sind nicht ihre Gefühle.
Deshalb können diese Gefühle sie auch nicht motivieren,
eine Norm zu akzeptieren, die aktive Sterbehilfe strikt verbietet.

Die Norm der „Unverfügbarkeit“ des menschlichen Lebens
wird längst nicht mehr allgemein akzeptiert.
Den Schutz,
den manche Normen dadurch bieten können,
dass sie allgemein innerlich akzeptiert sind,
kann diese Norm nicht mehr bieten.

 
Zeit für eine neue Orientierung

„Unantastbarkeit menschlichen Lebens“,
wie es oft heißt,
das klingt zwar nobel.
Es hat aber inhumane Konsequenzen,
wenn deswegen unheilbar schwerkranken Menschen
die Möglichkeit zu einem humanen Tod verweigert wird.

Zu Recht hat diese traditionelle Norm
ihren Rückhalt in der Bevölkerung weithin verloren.
Allerdings hat sie damit auch einen Teil ihrer Schutzwirkung verloren,
ihrer Wirkung zum Schutze von Menschen,
die trotz schwerer Krankheit oder Behinderung leben wollen.

So ist es an der Zeit,
diese traditionelle Norm durch eine bessere abzulösen:
durch eine Norm, die den leidenden Menschen auf beiden Seiten gerecht wird:
sowohl den Menschen,
die wegen einer schweren Krankheit oder Behinderung
Hilfe zu einem humanen Tod suchen,
als auch den Menschen,
die trotz allem am Leben bleiben wollen.

Eine solche Norm ist bereits formuliert:

Respekt
vor dem Willen des leidenden Menschen.

Ich denke, es lohnt sich, für diese Norm einzutreten.
Sie berücksichtigt die Verschiedenheit der Menschen
und ihre verschiedenen Interessen.
So ist sie geeignet,
von vielen verschiedenen Menschen innerlich akzeptiert zu werden
und aus Überzeugung befolgt zu werden.
Damit erfüllt sie eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür,
dass eine Norm denjenigen, zu deren Schutz sie bestimmt ist,
tatsächlich Schutz bieten kann.

 
Respekt für jeden Leidenden

Passive und indirekte Sterbehilfe sind in Deutschland erlaubt,
aber sie kommen nur für einen bestimmtem Personenkreis in Frage:
nur für Menschen, die krank genug sind,
um innerhalb kurzer Zeit auf diese Weise sterben zu können.

Durchs Raster fallen dabei Menschen,
die ebenso leiden und ebenso sterben wollen,
die aber für einen humanen Tod
auf ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung
oder auf aktive Sterbehilfe angewiesen sind.

Wo bleibt der Respekt vor dem Willen dieser Menschen?

 
Gegner könnten argumentieren:
Wenn aktive Sterbehilfe legalisiert würde
und die Möglichkeiten der Beihilfe zur Selbsttötung erweitert würden,
dann wären mehr Menschen der Gefahr ausgesetzt,
durch ungerechtfertigten Gebrauch von legaler Hilfe zum Sterben
ums Leben zu kommen.

Andererseits
hätte es eine sehr schwerwiegende Folge für dieselben Menschen,
wenn die bisherigen Verbote und restriktiven Regelungen bestehen blieben:
Diesen Menschen würde weiterhin
das Recht auf einen selbstbestimmten und humanen Tod verweigert.

Menschen, die von einer Verweigerung
des Rechts auf einen humanen Tod sehr hart getroffen würden,
gibt es sowohl unter Menschen,
die durch passive oder indirekte Sterbehilfe sterben können,
als auch unter Menschen,
die dazu auf Selbsttötung oder aktive Sterbehilfe angewiesen sind.

Die Bedürfnisse der einen
sind nicht viel anders als die Bedürfnisse der anderen.
Ein Mensch, der zum Weiterleben
auf ständige medizinische Unterstützung angewiesen ist,
muss darum weder eine geringere Lebenserwartung
noch eine geringere Lebensqualität haben
als ein Mensch, der noch aus eigener Kraft am Leben bleiben kann.
Erst recht lässt sich nicht sagen,
dass der eine Mensch weniger am Leben hängen müsste,
oder dass der andere keinen ebenso starken
und ebenso wohlüberlegten und dauerhaften Wunsch entwickeln könnte,
seinem Leiden durch einen selbstbestimmten Tod ein Ende zu setzen.

Zwar mag es sein,
und vielleicht durch Statistiken belegbar sein,
dass der dauerhafte Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod
häufiger vorkommt
bei Menschen, die krank genug sind,
um durch passive oder indirekte Sterbehilfe sterben zu können.
Aber daraus
kann kein zuverlässiger Schluss auf den Einzelfall gezogen werden.
Der Einzelfall kann ganz anders aussehen
als irgendein statistischer Mittelwert.
Statistische Mittelwerte dürfen nicht den Ausschlag geben,
wenn es um so wichtige Fragen geht
wie Leben oder Tod eines Menschen.
Die Würdigung des Einzelfalls
ist ein Gebot der Achtung vor dem einzelnen Menschen.

Vieles ist zu berücksichtigen,
wenn ein leidender Mensch den Wunsch äußert,
unter ärztlicher Betreuung selbstbestimmt und human zu sterben.
Bei der Entscheidung darüber
sollte es wichtigere Gesichtspunkte geben
als die Frage, auf welche Weise dieser Wunsch erfüllt werden könnte:
ob durch passive oder indirekte Sterbehilfe
oder nur durch Beihilfe zur Selbsttötung oder aktive Sterbehilfe.

Wenn diese Frage zum allein ausschlaggebenden Kriterium dafür wird,
ob einem leidenden Mensch die Möglichkeit offensteht,
selbstbestimmt und human zu sterben,
dann geht das an den Interessen der betroffenen Menschen vorbei.

 
„Sozialverträgliches Ableben“ –
wird auf leidende Menschen Druck ausgeübt?

Davor glauben Gegner der aktiven Sterbehilfe warnen zu müssen.
So schrieb Thomas Rachel 7:

Praktizierte aktive Sterbehilfe bewirkt eine Umkehr der Begründungslast: Warum sollte in hoffnungslosen Fällen noch eine Therapie gewollt sein? Warum sollte sie bezahlt werden? Der soziale Druck auf die Betroffenen nimmt zu. Menschen könnten sich zur vorzeitigen Beendigung ihres Lebens veranlasst sehen – aus Angst, Kosten zu verursachen sowie für die Gesellschaft und nahe Angehörige eine Belastung darzustellen.

Sozialer Druck auf die Betroffenen könnte überall entstehen,
wo es Möglichkeiten gibt, den Tod eines Menschen früher herbeizuführen.
Auch bei passiver Sterbehilfe und bei indirekter Sterbehilfe.

Warum hat Herr Rachel dies Argument nicht ebenso
gegen die passive Sterbehilfe und gegen die indirekte Sterbehilfe ins Feld geführt,
wohl aber gegen die aktive Sterbehilfe?

Herr Rachel fuhr fort:

Die Würde todkranker Patienten ließe sich nicht mehr garantieren.
Aktive Sterbehilfe wäre ein ethischer Dammbruch.

An anderer Stelle schrieb er dazu:

Entsprechendes gilt für den assistierten Suizid. 8

Herr Rachel scheint gemeint zu haben,
dass der Zusammenbruch einer bestimmten Norm –
der von ihm bevorzugten Norm –
zum Zusammenbruch weiterer Normen führen müsste
und damit auch der Norm,
dass niemand zum Sterben gedrängt werden darf.

Warum aber gerade die von Herrn Rachel bevorzugte Norm
das beste Bollwerk dagegen sein soll,
ist unerfindlich.
Wie sollte eine Norm das leisten können,
die von vielen Menschen schon jetzt nicht mehr innerlich akzeptiert wird?

Ich verspreche mir mehr davon,
den Weg frei zu machen für die Etablierung von Normen,
die von den Menschen innerlich akzeptiert werden können.
Normen, denen die Menschen aus Überzeugung folgen können.

 
Käme es denn tatsächlich zu mehr sozialem Druck,
wenn aktive Sterbehilfe legalisiert würde
und die Möglichkeiten der Beihilfe zur Selbsttötung erweitert würden?

 
Was den gesamtgesellschaftlichen Druck angeht,
wäre eher das Gegenteil zu vermuten.
Darauf deuten Erfahrungen hin, die in Deutschland
in einem ähnlich gelagerten Fall gemacht werden konnten,
nämlich beim Schwangerschaftsabbruch:
Als die restriktiven Regelungen,
die vor der Wiedervereinigung in Westdeutschland gegolten hatten,
politisch nicht mehr zu halten waren
und eine liberalere Regelung in Kraft gesetzt wurde,
da kam es keineswegs zu einem gesamtgesellschaftlichen Druck auf ungewollt schwangere Frauen, sie möchten doch abtreiben lassen.
Man hörte auch nichts von Kostensenkungen mit der Begründung,
dass Frauen ja abtreiben lassen könnten.
Im Gegenteil,
viele der politisch Verantwortlichen waren um so mehr motiviert,
Frauen auf andere Weise von einer Abtreibung abzuhalten.
Es gab vermehrt Forderungen,
die Situation von Frauen mit kleinen Kindern zu verbessern,
und es gab einige – wenn auch teilweise einigermaßen halbherzige – Beschlüsse, um in diesem Sinne etwas in Bewegung zu bringen
und auch Geld dafür auszugeben.

Für die Situation von unheilbar schwerkranken Menschen
sind jetzt schon Ansätze zu einer ähnlichen Entwicklung spürbar:
Seit es nicht mehr so leicht ist,
die Menschen durch restriktive deutsche Regelungen
von einer Selbsttötung abzuhalten –
man denke an die „Abstimmung mit den Füßen“ Richtung Schweiz –
seitdem sind vermehrt Rufe nach Verbesserung der palliativmedizinischen Versorgung zu hören,
sowie Rufe nach sonstigen Verbesserungen der Situation
von schwerkranken und schwerbehinderten Menschen.

Es steht zu hoffen, dass diese Entwicklung weiteren Auftrieb bekommt,
wenn der selbstgewählte humane Tod
nicht mehr das Privileg derer ist,
die es schaffen, rechtzeitig ins Ausland zu fahren.
Wenn mehr unheilbar schwerkranke Menschen die Möglichkeit erhalten,
den Ausweg in den Tod zu wählen,
wenn sie sich ein Weiterleben unter den gegebenen Umständen
nicht mehr zumuten wollen.
Wenn sich das Ausmaß des Elends dieser Menschen
nicht mehr verbergen lässt.
Die bisherige Versorgung von Pflegebedürftigen
ist nicht eben eine Werbung für ein Verbot der Sterbehilfe.

 
Was den individuellen sozialen Druck
auf einzelne alte oder kranke Menschen angeht,
so ist sicherlich denkbar,
dass mehr Menschen davon betroffen sein könnten,
wenn für mehr Menschen die Möglichkeit eröffnet würde,
unter ärztlicher Betreuung selbstbestimmt und human zu sterben.

Andererseits kann es dieselben Menschen sehr hart treffen,
wenn ihnen diese Möglichkeit weiterhin verweigert wird.

Auch hier sollte die entscheidende Frage nicht sein,
auf welche Weise ein Mensch sterben kann:
ob durch passive oder indirekte Sterbehilfe
oder nur durch Beihilfe zur Selbsttötung oder aktive Sterbehilfe.

Es gibt Wichtigeres:
den Respekt vor dem wohlüberlegten und dauerhaften Willen
eines schwer leidenden Menschen.

 
Gefahren, wenn Sterbehilfe illegal ist ...

Vielstimmig sind die Warnungen vor den Gefahren,
die angeblich drohen, wenn aktive Sterbehilfe legalisiert wird –
wenige sehen die Gefahren,
die davon ausgehen, wenn aktive Sterbehilfe nicht legalisiert wird.

Missbrauch und leichtfertiger Gebrauch

Wo aktive Sterbehilfe verboten ist,
da wird dennoch immer wieder Mitleid sich Bahn brechen,
und aktive Sterbehilfe wird illegal geleistet werden.

Und viele Menschen, die davon erfahren,
werden geneigt sein, einen Akt der Humanität
und der Solidarität mit einem leidenden Menschen zu vermuten.

Solange aktive Sterbehilfe verboten ist, müssen sie davon ausgehen,
dass illegale aktive Sterbehilfe manchmal die einzige Möglichkeit ist,
Humanität und Solidarität mit leidenden Menschen zu üben.
Deshalb werden viele geneigt sein,
nichts zu unternehmen, wenn sie beispielsweise bemerken,
dass jemand „indirekte Sterbehilfe“ geleistet hat
und dabei eine verdächtig hohe Dosis verwendet hat.
Viele werden lieber weggucken
als eine Untersuchung in Gang zu setzen oder gar Anzeige zu erstatten.

Das strikte Verbot
schützt diejenigen, die aktive Sterbehilfe missbrauchen.
Und diejenigen, die aktive Sterbehilfe leichtfertig gebrauchen.

Es erhöht die Gefahr,
dass Menschen glauben, sie könnten damit durchkommen,
wenn sie aktive Sterbehilfe missbrauchen oder leichtfertig gebrauchen.
Es erhöht die Gefahr für leidende Menschen,
dass sie einem Mord zum Opfer fallen könnten,
oder dass sie leichtfertig – vielleicht aus fehlgeleitetem Mitleid –
getötet werden könnten, obwohl sie noch leben wollen.

Diese Gefahr kann verringert werden,
wenn es ein kontrolliertes Verfahren gibt,
das aktive Sterbehilfe dort möglich macht,
wo sie der Humanität und Solidarität mit einem leidenden Menschen dient, aber zugleich dort einen Riegel vorschieben kann,
wo fehlgeleitetes Mitleid oder gar unredliche Motive im Spiel sind.

Die Existenz eines kontrollierten Verfahrens schließt zwar nicht aus,
dass weiterhin heimlich illegale Sterbehilfe geleistet wird.
Aber wer das tut, kann nicht mehr so sicher sein,
dass alle weggucken und niemand fragt, warum er das tut.
Warum sollte er denn,
wenn es einen gesetzlich vorgesehenen Weg gibt,
um Humanität und Solidarität mit einem leidenden Menschen zu üben,
der zugleich dem Patienten einen optimalen Schutz verspricht?
Je mehr Vertrauen die Menschen haben,
dass der gesetzlich vorgesehene Weg
Humanität und Solidarität mit leidenden Menschen ermöglicht,
um so weniger kann irgendjemand mit Verständnis rechnen,
wenn er diesen Weg umgeht.

Dazu muss aktive Sterbehilfe
unter bestimmten Voraussetzungen legal sein,
wenn sie dem wohlüberlegten Willen
eines schwer leidenden und hilflosen Patienten entspricht.
Dann könnten illegale „Sterbehelfer“
sich nicht mehr als Helden und Nothelfer fühlen
und nicht mehr mit dem Verständnis ihrer Mitmenschen rechnen.
Der gefährlichen illegalen Sterbehilfe wäre der Boden entzogen.
Legalität schafft gute Voraussetzungen dafür,
dass Sterbehilfe auf die Patienten beschränkt bleibt,
die sie wirklich wollen.

 
Unfallgefahr

Wo aktive Sterbehilfe illegal ist
und ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung nicht zu erwarten ist,
da bleibt nur die Selbsthilfe.
Da haben viele Menschen ein starkes Motiv,
sich hochgiftige Substanzen
oder sonstige zur Selbsttötung geeignete Mittel zu besorgen.
Und zwar, solange sie es noch können –
und das heißt oft, solange sie es sich noch zutrauen,
zu diesem Zweck ins Ausland zu fahren.

So werden hochgiftige Substanzen
und sonstige zur (Selbst-)tötung geeignete Mittel
oft jahrelang in Privathaushalten herumliegen.

Das birgt Gefahren:
So kann es vorkommen,
dass ein hochgiftiges Medikament versehentlich eingenommen wird,
weil es mit einem anderen Medikament verwechselt wird.
Gerade bei alten Menschen kann so etwas passieren,
wenn die Sehkraft und die geistigen Kräfte nachlassen.

Zu befürchten ist außerdem,
dass viele Menschen die hochgiftigen Substanzen
nicht so sorgfältig verwahren, wie das erforderlich wäre.
Manche werden diese Substanzen sogar absichtlich
in ihre Nachttischschublade stecken
oder auch in eine Tasche, die fertig gepackt bereitsteht
für den Fall, dass sie plötzlich ins Krankenhaus müssen.
„Womöglich komme ich sonst nicht dran, wenn ich sie brauche“,
könnte der Gedanke dabei sein.

So etwas vergrößert die Gefahr,
dass die tödlichen Substanzen versehentlich eingenommen werden.
Oder dass spielende Kinder sie finden,
in den Mund stecken und verschlucken.
Auch sogenannte „Exit-Bags“ – jene luftdichten Beutel,
in denen ein Mensch den Tod durch Ersticken suchen kann –
könnten Kinder zu einem Spiel mit tödlichem Ausgang verlocken.

Hinzu kommt die Gefahr,
dass zur Selbsttötung bestimmte Substanzen
dazu missbraucht werden können,
andere Menschen zu töten –
sei es, weil Menschen aus fehlgeleitetem Mitleid handeln,
sei es, dass sie mit voller Absicht einen Mord begehen.

Diese Gefahren wären weitgehend vermeidbar.
Es muss nicht sein,
dass Menschen sich genötigt sehen,
hochgiftige Substanzen in ihrem privaten Haushalt zu lagern,
wenn sie im Fall einer schweren Krankheit oder Behinderung
die Möglichkeit haben wollen,
durch einen selbstbestimmten und humanen Tod
ihrem Leiden ein Ende zu setzen.

Den Menschen fiele es leichter,
auf die private Lagerung hochgiftiger Substanzen zu verzichten,
wenn sie darauf vertrauen könnten,
dass sie im Fall einer schweren Krankheit oder Behinderung
ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung in Anspruch nehmen könnten
oder nötigenfalls auch aktive Sterbehilfe.

 
Selbsttötung – bevor es zu spät dazu ist?

Sich selbst zu töten,
das kann eine zumutbare Alternative zur aktiven Sterbehilfe sein –
aber nur so lange,
wie man das, was man dazu können muss, noch kann.
Wie man, beispielsweise, in der Lage ist,
eine geeignete Substanz hinunterzuschlucken und bei sich zu behalten.
Damit kann es irgendwann vorbei sein.

Selbsttötung mit ärztlicher Unterstützung im Ausland,
das kann eine zumutbare Möglichkeit sein,
wo Selbsttötung mit ärztlicher Unterstützung
im eigenen Lande verboten ist –
aber damit kann es noch früher vorbei sein,
vor allem für Menschen, die niemanden haben,
der sie bei einer solchen Auslandsreise unterstützen kann und will

Selbsttötung ohne ärztliche Unterstützung
ist mit Risiken verbunden,
vor denen einige Menschen große Angst haben – begründete Angst.

Mehr dazu unter
Aktive Sterbehilfe und ihre Alternativen
und
Scheinheilige Klagen über den „Sterbetourismus“

 
Wo aktive Sterbehilfe verboten ist,
da kann früher die Zeit kommen,
zu der ein Mensch keine zumutbare Möglichkeit mehr hat,
einem unerträglichen Leiden
ein baldiges Ende durch einen selbstbestimmten Tod zu setzen.
Noch früher kann diese Zeit kommen,
wenn außerdem die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung verboten ist.

Eine beängstigende Aussicht.
Vor allem für Menschen, die aufgrund ihrer Krankengeschichte
Grund zu der Befürchtung haben,
dass ihnen das in naher Zukunft bevorstehen könnte.

Früher als nötig kann für diese Menschen die Zeit kommen,
zu der ihnen nur noch eine furchtbare Wahl bleibt:

Entweder mit einem hohen Risiko zu leben,
in naher Zukunft einem unerträglichen Leiden ohne Ausweg ausgeliefert zu sein –
oder sich selbst zu töten,
solange man es noch kann.

Letzteres kann heißen:
sich selbst zu töten zu einem Zeitpunkt,
zu dem man eigentlich noch gar nicht sterben will.

Nicht wenige Menschen wollen am Leben bleiben,
solange sie sich noch selbst helfen können;
aber sie sehen keinen Sinn mehr darin,
wenn sie über ein gewisses Maß hinaus
in ihren Fähigkeiten eingeschränkt
und auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sind.

Wenn die Angst, dass es später kein Entrinnen mehr geben könnte,
einen Menschen dazu bestimmt, sich früher zu töten,
dann ist das
nicht das selbstbestimmte Sterben,
um das es denjenigen geht, die sich gegen ein striktes Verbot
von aktiver Sterbehilfe und ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung wenden.

Wenn ein Mensch sich aus dieser Angst heraus tötet,
obwohl er eigentlich gern noch ein wenig länger leben würde,
dann ist das ein fremdbestimmter Tod –
fremdbestimmt durch einen Block von Politikern,
Kirchenleuten und anderen Besserwissern,
die dem von Leiden bedrohten Menschen
seit langem die Möglichkeit verweigern,
in Ruhe abzuwarten und später mit ärztlicher Hilfe zu sterben –
oder vielleicht auch nicht, wenn sich das als unnötig erweist.

 
„Bringt man sich deswegen denn wirklich um?“,
könnte nun jemand fragen.
„Aus Angst vor einer Situation, die noch gar nicht eingetreten ist?“

Nun, es kommt vor, dass ein Mensch sich tötet
aus Angst vor einer Situation, die noch nicht eingetreten ist.
Ich erinnere mich an den Fall von Frau Bettina S. aus Würzburg,
die mit ihrer Selbsttötung –
assistiert von dem umstrittenen Hamburger Ex-Justizsenator Kusch –
für viel Aufregung sorgte.
Danach hieß es über sie in der WELT vom 30.6.2008
Disclaimer:

Sie litt nicht an unheilbaren Krankheiten oder unerträglichen Schmerzen. Sie fürchtete sich, nicht mehr allein in ihrer Wohnung leben zu können und in ein Pflegeheim umziehen zu müssen.

Damals, ich davon erfuhr, wusste ich nicht, wie ich das bewerten sollte:
Kommt so etwas öfter vor? Oder ist es nur ein seltener Einzelfall?

Inzwischen weiß ich etwas mehr über die Motive von Menschen,
die ihrem Leben ein Ende setzen wollen.
Denn im US-Staat Oregon gilt seit 1997 der
Death with Dignity Act,
nach dem schwerkranke Menschen unter bestimmten Voraussetzungen
ärztliche Beihilfe zum Suizid erhalten können.
Vorher werden sie nach ihren Motiven befragt.
Im Bericht zum Jahr 2010 Disclaimer heißt es dazu:

As in previous years, the most frequently mentioned end-of-life concerns were: loss of autonomy (93.8%), decreasing ability to participate in activities that made life enjoyable (93.8%),
and loss of dignity (78.5%).

Wie in den vorangegangenen Jahren wurden die folgenden Motive am häufigsten genannt: Verlust der Selbstständigkeit (93,8 %), abnehmende Fähigkeit zu Aktivitäten, die das Leben erfreulich machen (93,8 %), und Verlust der Würde (78,5 %).

       (Oregon Public Health Division,
       Oregon’s Death with Dignity Act
--2010, Übersetzung I. N.)

Schmerzen und Angst vor Schmerzen
rangieren unter den Motiven zum Sterben eher unter „ferner liefen“:
genannt wurde es von 10 von 65 Befragten im Jahre 2010 (15,4 %),
von 111 von 525 Befragten im Zeitraum 1998–2010 (21,3 %).

Insgesamt ergibt sich folgendes Bild:

475 (91.2 %)

Losing autonomy –
Verlust der Autonomie, der Selbstständigkeit

459 (88.1 %)

Less able to engage in activities making life enjoyable –
Weniger imstande zu Aktivitäten,
die das Leben erfreulich machen

333 (84.1 %)

Loss of dignity  (First asked in 2003)  
Verlust der Würde (erfragt erst seit 2003)

294 (56.4 %)

Losing control of bodily functions –
Verlust der Kontrolle über Körperfunktionen

184 (35.3 %)

Burden on family, friends/caregivers –
Der Familie oder Freunden zur Last fallen

111 (21.3 %)

Inadequate pain control or concern about it –
Unzureichende Schmerztherapie
oder Besorgnis deswegen

13 (2.5 %)

Financial implications of treatment –
Finanzielle Folgen der Behandlung

 

(Oregon Public Health Division, 1998–2010,
Table 1 Disclaimer, Übersetzung I. N.)

Ich gebe es zu: Mit solchen Zahlen hätte ich nicht gerechnet.

Was es heißt,
wenn Selbstständigkeit und Möglichkeiten der Lebensfreude
dahinzuschwinden beginnen,
das können vermutlich viele Menschen sich erst dann richtig vorstellen,
wenn sie selbst in diese Lage geraten
oder wenn ihnen das unmittelbar bevorsteht.

Dies scheint ein stärkeres Motiv zur Selbsttötung zu sein, als viele denken.
Um so wichtiger ist es, dass die Betroffenen Zeit haben,
in Ruhe darüber nachzudenken,
ob – und wann! – sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen.
Die Entscheidung, noch ein Weilchen am Leben zu bleiben,
vielleicht solange man dies und jenes noch kann,
dürfte leichter fallen,
wenn der Ausweg in den Tod auch später noch offen bleibt.
Auch dann, wenn man vieles nicht mehr kann
und zu einem selbstgewählten Sterben
auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist.

Vielleicht sind es nicht sehr viele Menschen,
die sich allein aus Angst vor einer solchen Zukunft das Leben nehmen,
vor einer trostlosen Situation ohne Lebensfreude
oder gar vor einem unerträglichen Leiden ohne Ausweg.

Aber man muss auch daran denken,
dass Angst vor einer zukünftigen Situation –
und besonders die Angst vor unerträglichem Leiden ohne Ausweg –
den Ausschlag geben kann,
wenn jemand schon aus anderen Gründen
über eine Selbsttötung nachdenkt.

Dass unerträgliches Leiden ausweglos werden kann,
dies Problem ist hauptsächlich von Menschen gemacht:
durch Hindernisse bei der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung
und durch das strikte Verbot der aktiven Sterbehilfe.

Jeder Mensch, der deswegen sich selbst tötet,
stirbt zu früh.

Und jeder Mensch, der deswegen sein weiteres Leben
in Angst vor unerträglichem Leiden ohne Ausweg verbringt,
leidet zu viel.

 
Schutz, wenn Sterbehilfe legal ist ...

Erst wenn die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung
und die aktive Sterbehilfe durch einen Arzt legal sind –
und auch nicht durch Berufsordnungen für Ärzte 9 behindert werden –
wird der Weg frei

       für offene Gespräche mit geeigneten Fachleuten 10;
sie könnten die Gefahr verringern,
dass Menschen übereilt zur Selbsttötung schreiten
oder zur Hilfe zum Sterben für Angehörige oder Freunde;

        für gesetzlich geregelte Genehmigungsverfahren 11
für ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung
und für aktive Sterbehilfe durch einen Arzt;
diese Genehmigungsverfahren sollten
sowohl einer umfassenden Beratung der Patienten dienen
als auch einer Überprüfung,
ob man nach fachkundigem Urteil davon ausgehen kann,
dass der Patient wirklich den ernsthaften Willen hat zu sterben,
und dass dieser Wille wohlüberlegt ist und von Dauer.

Bei zweckmäßiger Ausgestaltung
kann dies Angebot Menschen dazu  bewegen,
von einer Selbsttötung auf eigene Faust abzusehen.
Schließlich bietet die Hinzuziehung eines Arztes
optimale Chancen für ein humanes Sterben.

Ebenso kann dies Angebot
Angehörige und Freunde von leidenden Menschen davon abbringen,
auf eigene Faust zur Hilfe zum Sterben zu schreiten.

So kann dies Angebot
vielen Menschen Schutz vor übereilten Entschlüssen bieten.
Und zwar auf vielerlei Weise.

Schon die Notwendigkeit,
den Kontakt zu zuständigen Personen herzustellen
und ihnen zu erklären, was man will,
bewirkt einen Aufschub.
Das verschafft dem leidenden Menschen Zeit – Bedenkzeit
die schon als solche geeignet ist,
Kurzschlussreaktionen und übereilten Handlungen entgegenzuwirken.
Zugleich findet er im Gespräch mit den Fachleuten
eine Gelegenheit, alles noch einmal zu überdenken.

Mit ihren Kenntnissen und mit ihrer Erfahrung
können Fachleute dazu beitragen,
dass ein Patient eine wohlüberlegte Entscheidung fällen kann.
Mit ihren Informationen können sie ihm helfen,
zutreffende Vorstellungen darüber zu gewinnen,
wie sein weiteres Leben verlaufen könnte;
welche Alternativen er hat,
und welche Vorteile und welche Nachteile damit verbunden sind,
und welche Chancen und welche Risiken.

Hand in Hand mit dieser Beratung
könnten die Fachleute überprüfen,
wie weit der Patient bei seinen Überlegungen
von zutreffenden Vorstellungen ausgeht.

Zugleich können geschulte und erfahrene Psychologen oder Mediziner
sich ein Bild davon machen, wie es um den Patienten selbst steht:
Will er wirklich im Ernst und aus eigenem Antrieb sterben?
Ist dieser Wunsch wohlüberlegt und von Dauer?

 
Informationen über die medizinische Seite

Wichtig für jede wohlüberlegte Entscheidung über Leben und Tod
sind zutreffende Informationen über die medizinische Seite
der Krankheit oder Behinderung eines Patienten.

Welcher weitere Verlauf ist zu erwarten?
Wird der Zustand des Patienten
voraussichtlich für längere Zeit unverändert bleiben?
Oder wird er sich voraussichtlich verschlechtern?
Allmählich oder vielleicht plötzlich?
Oder ist vielleicht sogar mit einer gewissen Verbesserung zu rechnen?
Etwa, weil der Prozess der Einstellung des Patienten
auf eine für ihn optimale Dosierung bestimmter Medikamente
noch nicht abgeschlossen ist?

Und: Kommen Änderungen der bisherigen Behandlung in Frage?

Sind schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft?
Denkbar wäre, dass bestimmte Behandlungen
bislang nicht vorgeschlagen wurden,
weil Ärzte das Risiko, daran zu sterben, für zu hoch hielten.
Dieselben Behandlungen könnten erwägenswert werden,
wenn der Patient lieber sterben will, als weiterleben wie zuvor.

Andererseits kann es sein,
dass Ärzte in ihrem Bestreben, das Leben zu erhalten,
zu wenig darauf geachtet haben,
wie groß die Belastungen für den Patienten sind.
In manchen Fällen könnte mit einer sanfteren Therapie
vielleicht nicht die gleiche Lebenserwartung,
dafür aber eine akzeptable Lebensqualität erreicht werden.

Schließlich wäre zu prüfen, ob die psychischen Auswirkungen
der Krankheit oder der Therapie genügend berücksichtigt wurden.
Ist die niedergedrückte Stimmung eines Patienten
vielleicht bedingt durch Medikamente, Stoffwechselstörungen
oder ähnliche Faktoren?
Kann dies durch eine geeignete Behandlung
oder durch eine Umstellung der Behandlung geändert werden?
Wird es sich vielleicht sogar von selbst ändern,
wenn bestimmte Einstellungs- und/oder Gewöhnungsprozesse erst abgeschlossen sind?

Manchmal – vor allem, wenn es um psychische Auswirkungen
von Medikamenten, Stoffwechselstörungen und Ähnlichem geht –
wird ein Patient erst dann,
wenn therapeutische Veränderungen ihre Wirkung gezeigt haben,
beurteilen können,
wie er den so erreichbaren Zustand erlebt.
Manchmal wird er erst dann
zu einem wohlüberlegten Urteil kommen können,
ob er tatsächlich sterben will.
Manchmal werden die Fachleute eine Bedenkzeit
dringend empfehlen oder sogar darauf bestehen müssen.

 
Eine Beratung durch geeignete Fachleute
könnte für manche Menschen eine letzte Chance sein,
von Alternativen zur Selbsttötung zu erfahren,
die für sie vielleicht akzeptabel sind.
Eine Chance, mit der sie vielleicht gar nicht mehr rechnen,
wenn sie sich daran machen,
zur Selbsttötung unter ärztlicher Unterstützung
die Genehmigung einzuholen.
Eine Chance, die sie verpassen würden,
wenn eine solche Genehmigung nicht zu haben wäre.
Wenn sie deshalb für sich keine andere Möglichkeit sehen,
als auf eigene Faust oder unter Beihilfe von Laien
zur Selbsttötung zu schreiten.

 
Pflege

Dies ist in diesem Zusammenhang leider ein Thema.
Allzu oft kommt es durch unzureichende Pflege zum Wundliegen,
zu schmerzhaften Dekubitus-Geschwüren,
die sehr langsam heilen; oft dauert es Monate.
Allzu oft werden Pflegebedürftige in Windeln gelegt,
obwohl sie noch zur Toilette geführt werden könnten
und obwohl sie sich rechtzeitig melden;
und manche werden sogar ohne medizinische Notwendigkeit
mit einem Dauerkatheter versehen.

In solchen Fällen kann es einen erheblichen Unterschied machen,
wenn jemand prompt in ein Pflegeheim oder Krankenhaus verlegt wird,
wo menschenwürdige Pflege praktiziert wird.

Ob das klappt, daran kann sich zeigen, was die Parolen wert sind,
dass die Hilfe zum Sterben nicht erlaubt werden,
sondern überflüssig gemacht werden soll.
Bekommt man es hin, die erforderlichen Strukturen bereitzustellen
und das nötige Geld locker zu machen?

Defizite im Pflegebereich abzustellen,
das ist natürlich nicht die eigentliche Aufgabe
der Verfahren zur Genehmigung
von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung oder aktiver Sterbehilfe
(im Folgenden: „der/die hier vorgeschlagenen Genehmigungsverfahren“).
Solche Genehmigungsverfahren
können ohnehin nur Hilfe in Einzelfällen bieten.
Für eine effektive Bekämpfung der Defizite im Pflegebereich
müsste hingegen auf breiter Front dafür gesorgt werden,
dass es genug gut ausgestattete Pflegeheime gibt,
dass diese genug qualifiziertes Personal einstellen können,
und dass das notwendige Geld bereitgestellt wird;
und es müsste genug Kontrollen geben,
einschließlich unangekündigter Kontrollen.

Auch für den Einzelfall sollte es einfachere Wege
zu einer menschenwürdigen Pflege geben
als die hier vorgeschlagenen Genehmigungsverfahren.
Aber wenn kein einfacherer Weg zum Ziel geführt hat,
dann finde ich nichts dagegen einzuwenden,
wenn das Genehmigungsverfahren zu einem letzten Auffangnetz
für verzweifelte Menschen wird,
das ihnen hilft, einer unzumutbaren Situation zu entkommen
und vielleicht ihr Leben wieder als lebenswert zu empfinden.

 
Fragen der Lebensgestaltung

Die Erfahrungen aus Oregon haben gezeigt,
welch große Bedeutung es für den Wunsch zu sterben hat,
wenn Menschen ihre Selbstständigkeit verlieren
und/oder wenn ihre Fähigkeiten abnehmen,
Dinge zu tun, die das Leben erfreulich für sie machen.

So wird es für viele Menschen, die an Selbsttötung denken,
von großer Bedeutung sein,
zutreffende Vorstellungen über die voraussichtliche Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu haben.
Werden die Fähigkeiten abnehmen, allmählich oder auch plötzlich?
Oder bestehen Aussichten, dass bestimmte Fähigkeiten sich verbessern?
Vielleicht durch eine Therapie,
die bislang nicht vorgeschlagen wurde
oder deren Bezahlung noch nicht durchgesetzt werden konnte?

Oder gibt es Hilfsmittel, durch die die Selbstständigkeit
und/oder die Möglichkeiten zu Aktivitäten verbessert werden können?
Beispielsweise Rollstühle, durch die die Mobilität erhöht werden kann?
Oder Computer mit Spracheingabe
für Menschen, die ihre Hände nicht oder kaum noch steuern können?
Oder Computer mit Sprachausgabe,
für Blinde und Sehbehinderte, die nicht mehr lesen können,
oder für Menschen, die nicht oder nur sehr eingeschränkt
verständlich sprechen können?
Bekommt der Patient angemessene Hilfsmittel,
oder braucht er möglicherweise Unterstützung
gegen eine zahlungsunwillige Krankenkasse oder ähnliche Stelle?

Viele Fragen, auf die der Patient
im Gespräch mit geeigneten Fachleuten
vielleicht interessante Antworten erhalten kann.

 
Verstehen, was der Patient will

Da sagt vielleicht ein Patient:

„Nun lasst mich doch endlich sterben!“

Aber was liegt dahinter?
Will der Patient wirklich die Anwesenden auffordern,
ihm ein baldiges Sterben zu ermöglichen?
Oder hat er nur einer Stimmung Ausdruck gegeben?
Wie er es vielleicht bedenkenlos tun zu können glaubte
in einer Umgebung, in der er davon ausgehen konnte,
dass Aufforderungen, Sterben zu ermöglichen,
so schnell keine Konsequenzen haben,
vielleicht nicht einmal ernst genommen werden.

Und wenn mehr dahinter ist als eine vorübergehende Stimmung:
Ist der Patient tatsächlich seines Lebens überdrüssig?
Oder besteht das Problem eher darin,
dass ihm bestimmte therapeutische Maßnahmen
allmählich zu viel werden?
Wenn ja, mündet dies ein in eine Entscheidung
für den Abbruch dieser therapeutischen Maßnahmen,
mit allen Konsequenzen, die das für den Patienten hätte?

Wenn es dem Patienten tatsächlich um seinen Tod geht:
Wie will er sterben?
Will er nur, dass man ihn sterben lässt,
oder wünscht er Beihilfe zur Selbsttötung?
Wenn er darum bittet, dass man ihn sterben lässt –
meint er „passive Sterbehilfe“,
die durch einen vollständigen oder sehr weitgehenden Abbruch
von lebenserhaltenden Maßnahmen
in kurzer Zeit zum Tode führt?
Oder will er gar nicht unbedingt schnell sterben?
Will er vor allem einen Wechsel des Ziels seiner Therapien?
Will er, dass nicht mehr die Erhaltung seines Lebens
im Vordergrund stehen soll,
sondern die Vermeidung körperlicher Beschwerden?
Ist es ihm ganz recht, noch ein Weilchen am Leben zu bleiben,
wenn er dies Leben ohne allzu große Beschwerden
ausklingen lassen kann?

Viele Fragen,
die ein Patient sich vielleicht niemals stellt,
wenn er nur für sich allein darüber nachdenkt
oder nur mit Angehörigen oder Freunden,
die ebenso Laien sind wie er selbst.
Fachleute wissen mehr über die Alternativen.
Sie können verhindern,
dass die Perspektive des Patienten
verengt bleibt auf die Frage:
„Entweder weiter so wie bisher – oder Tod“.
Fachleute können dem Patienten weitere Möglichkeiten aufzeigen
und ihm helfen, herauszufinden, was er wirklich will.

 
Ergebnisoffenheit von Gesprächen

Es fällt nicht jedem Patienten leicht,
mit anderen Menschen darüber zu sprechen,
wenn er bald sterben will;
vor allem, wenn er durch Selbsttötung sterben will.

Besonders schwer fallen dürfte es manch einem Patienten,
sich dazu an nahe Angehörige zu wenden.
Gerade bei nahen Angehörigen muss der Patient damit rechnen,
dass sein Wunsch, bald zu sterben, heftige Gefühle auslöst.
Und gerade bei nahen Angehörigen kann es dem Patienten wichtig sein,
ihnen unnötigen Kummer zu ersparen.

Das kann für einen Patienten ein Grund sein,
ein erstes Gespräch über seinen Wunsch auf später zu verschieben,
solange er sich nicht hundertprozentig sicher ist,
dass er tatsächlich sterben will.

Weitere Gründe können hinzukommen.
Bei vielen Patienten dürfte es große Unsicherheit geben,
wie die Angehörigen reagieren würden.
In weiten Kreisen der Bevölkerung ist es üblich,
um das Thema „Sterben“ nach Möglichkeit einen Bogen zu machen.
Und wenn dies Thema einmal durch den Umstand nahegelegt wird,
dass ein naher Angehöriger gestorben ist,
dann sind viele mehr darauf bedacht,
die Gefühle der Trauernden zu schonen,
als ein offenes und ehrliches Gespräch über dies Thema zu suchen.

Unsicherheit lässt Befürchtungen gedeihen:
Werden die Angehörigen verständnislos reagieren?
Werden sie auf den Patienten einreden,
ihn mit Überredungsversuchen überschütten,
er möge sich das noch einmal anders überlegen?
Werden sie ihm womöglich Vorhaltungen machen,
etwa: „Das kannst Du mir doch nicht antun!“?

Solche Befürchtungen können für einen Patienten ein Grund sein,
das erste Gespräch mit den Angehörigen noch länger hinauszuschieben,
bis er sich für solch eine Konfrontation gewappnet fühlt.

Je länger der Patient zögert,
um so mehr Zeit hat er,
sich innerlich auf seinen Wunsch zu sterben festzulegen.
So kann er sich sicherer fühlen,
dass er sich im Gespräch mit seinen Angehörigen
nicht so leicht aus dem Gleis werfen lässt.
Es bedeutet aber zugleich, dass es schwieriger für ihn wird,
sich noch einmal für ein ergebnisoffenes Überdenken seines Wunsches
innerlich bereit zu finden.

Das gilt erst recht,
wenn Angehörige tatsächlich nicht akzeptieren,
dass der Patient sterben will,
und versuchen, ihn davon abzubringen.
Je mehr ein Mensch damit zu tun hat,
einen Standpunkt nach außen hin zu verteidigen,
desto schwieriger wird es für ihn,
denselben Standpunkt innerlich in Frage zu stellen.

 
Anders kann es aussehen, wenn der Patient die Möglichkeit hat,
geeignete Fachleute anzusprechen.

Bei Menschen, die dem Patienten nicht so nahe stehen,
hat er weit weniger Grund zu der Sorge,
dass er ihnen schweren Kummer bereiten könnte –
und das womöglich unnötig,
wenn er es sich doch noch anders überlegt.
Das kann dem Patienten den Entschluss erleichtern,
sich frühzeitig an Fachleute zu wenden,
auch wenn er sich noch nicht hundertprozentig sicher ist.

Auch die Erwartung,
bei den Fachleuten eine ergebnisoffene Beratung zu finden,
kann den Entschluss zu einem frühzeitigen Gespräch erleichtern.

Je früher das Gespräch zustande kommt,
um so häufiger dürfte es beim Patienten
noch eine gewisse Bereitschaft geben,
ergebnisoffen über das eine oder andere nachzudenken.
Um so besser sind seine Chancen,
zu einer wirklich wohlüberlegten Entscheidung zu gelangen.

 
Andeutungen und Missverständnisse

Die weitverbreitete Gewohnheit,
um das Thema „Sterben“ nach Möglichkeit einen Bogen zu machen,
führt zu Unsicherheit bei Patienten:
„Was werden meine Angehörigen denken,
wenn ich ihnen sage, dass ich nicht mehr leben will?“

Zu Unsicherheit führt es aber auch bei den Angehörigen:
Was sollen sie denken, wenn sie das hören?
Manche werden nicht einmal in der Lage sein, einzuschätzen,
ob der Patient wirklich im Ernst sterben will,
oder ob er vor allem zum Ausdruck bringt, wie schlecht er sich fühlt.

Kluge Angehörige werden spätestens dann
ein offenes Gespräch suchen.
Sie können mit Fragen beginnen wie:
„Was meinst du damit?
Willst Du mir nur sagen, wie schlecht du dich fühlst?
Oder willst du, dass irgendetwas anders gemacht wird als bisher?“

Aber es gibt auch Angehörige,
bei denen die Scheu, offen über das Sterben zu sprechen,
und die Gewohnheit, auf ein Reden in Andeutungen auszuweichen,
zu stark sind.
Einige wiegen sich vielleicht in vermeintlicher Gewissheit,
sie würden auch so richtig verstehen, was gemeint ist.
Andere finden vielleicht allzu selten Gelegenheit,
unter vier Augen mit dem Patienten zu sprechen.
Etwa, wenn der Patient im Krankenhaus
in einem Mehrbettzimmer liegt und selten allein ist.
Es ist nur natürlich, wenn Menschen Hemmungen haben,
in Gegenwart von Dritten
offen über ein sensibles Thema wie das Sterben zu sprechen.
Fast unvermeidlich kann der Verzicht auf offene Worte sein,
wenn der Patient eine Form der Hilfe zum Sterben will,
der gesetzliche Hindernisse entgegenstehen
oder die Vorschriften einer überängstlichen oder besserwisserischen
Krankenhaus- oder Heimleitung.

Wo das offene Gespräch fehlt,
da kann es zu Missverständnissen kommen.
Beispielsweise, wenn Angehörige glauben,
sie könnten von sich auf andere schließen:
„Wenn ich so etwas sagen würde, was würde ich denn damit meinen?“

Eine weitere Fehlerquelle besteht in allerlei Behauptungen
zum Themenkreis „Selbsttötungsversuche und -ankündigungen“,
wie sie in privaten Gesprächen und auch im Internet im Umlauf sind.

Da gibt es die Theorie, es handle sich um „Hilferufe“.
In seriösen Äußerungen liest sich das etwa so:

„Nicht hinter jedem Suizidversuch steckt tatsächlich die Absicht,
sich zu töten. Oft sind es Hilferufe verzweifelter Menschen,
die sich in einer ausweglosen Situation fühlen und keinen anderen Weg mehr sehen, ihre Umwelt darauf aufmerksam zu machen.“
      (so Professor Karl-H. Beine,
      Psychiater am St.-Marien-Hospital in Hamm,
      laut einem
Artikel Disclaimer in der WELT vom 20.10.2003)

Anderswo jedoch wird aus dem „oft“ ein „immer“:

„Wenn Menschen darüber sprechen, dass sie sich das Leben nehmen möchten, dann ist das immer ein Hilferuf.
...
Diese Menschen möchten sich im Grunde
nicht umbringen und sterben.“
      (so auf der Seite
     
Selbstmordgedanken – Hilferuf der Seele Disclaimer
      von Frau Dr. Doris Wolf, nach dortigen Angaben
      „Diplom Psychologin, Psychotherapeutin“)


Wenn Menschen glauben, dass das immer so sein müsste,
dann ist es nur logisch,
wenn sie das auch von dem Patienten annehmen,
von dessen Selbsttötungsabsichten sie eben erfahren haben;
wenn sie annehmen, dass auch dieser Patient „um Hilfe rufen“ würde.

Das kann ein Missverständnis sein,
das großen Kummer mit sich bringt.
Auf beiden Seiten:
Beim Patienten, der sich von seinen nächsten Angehörigen
nicht verstanden und nicht ernst genommen fühlt.
Und bei Angehörigen, die sich alle Mühe gegeben haben,
so gut wie möglich für den Patienten zu sorgen.
Gerade diesen Angehörigen
mögen bittere Gedanken durch den Kopf gehen:
„Ich tue doch schon, was ich kann!
Gönne mir kaum eine freie Minute!
Was will er denn noch?!“

So kann aus einem Missverständnis
eine Verschlechterung der Beziehung
zwischen dem Patienten und seinen nächsten Angehörigen entstehen.

 
Eine ähnliche Wirkung
kann von Missverständnissen der umgekehrten Art ausgehen.

Wo es üblich ist, in Andeutungen zu sprechen,
da wird erwartet, dass harmlos klingende Äußerungen
in Wirklichkeit Andeutungen von etwas enthalten könnten,
worüber „man“ nicht offen spricht.
Da kann es passieren,
dass jemand Andeutungen vermutet, wo keine sind.

Da ist nicht auszuschließen,
dass ein Angehöriger hinter einer Äußerung des Patienten
die Andeutung einer Bitte um Beihilfe zur Selbsttötung vermutet,
obwohl der Patient nichts dergleichen andeuten wollte.
Wenn dann der Angehörige sich seiner Sache allzu sicher ist
und nicht nachfragt,
sondern gleich eine zur Selbsttötung geeignete Substanz herbeischafft,
dann kann es zu einem zweiten Missverständnis kommen:
Der Patient könnte vermuten,
dass der Angehörige die Substanz in der Absicht herbeigeschafft hätte,
dem Patienten einen Wink zu geben,
dass sein Weiterleben nicht mehr erwünscht wäre.

Natürlich braucht der Patient
die herbeigeschaffte Substanz nicht einzunehmen.
Aber es ist schlimm genug,
wenn sein psychisches Befinden
und seine Beziehung zu diesem Angehörigen
ernstlich beeinträchtigt werden durch die irrige Annahme,
dass ein naher Angehöriger den Tod des Patienten gewünscht hätte.

 
Missverständnisse der einen wie der anderen Art lassen sich vermeiden,
wenn man offen ausspricht, was man meint,
und wenn man sich auf der anderen Seite
nicht allzu sehr in Vermutungen über Andeutungen ergeht,
und wenn man bei Unklarheiten nachfragt.

Das fällt leichter, wenn das, worüber man spricht, nicht verboten ist,
weder durch Gesetze noch durch Berufsordnungen
noch durch Vorschriften von Krankenhäusern oder Pflegeheimen.

Wenn ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung
und aktive Sterbehilfe durch einen Arzt
zulässig und tatsächlich möglich wären,
dann wäre außerdem von Gesprächen mit Angehörigen
eine Last genommen:
Der Patient kann darüber sprechen,
wenn er sich das Leben nehmen will,
ohne seine Angehörigen in Angst zu versetzen,
dass er sie bitten könnte, eine tödliche Substanz zu besorgen;
womit er seinen Angehörigen
eine schwere Verantwortung aufbürden würde.
Eine Verantwortung, die zu übernehmen
viele mit guten Gründen zögern würden:
weil sie als Laien kaum beurteilen können,
inwieweit der Patient eine wohlüberlegte Entscheidung
auf der Grundlage von zutreffenden Vorstellungen getroffen hat.

 
Fachkundige Begleitung erster Gespräche mit Angehörigen

Es gibt Patienten, die es für das Beste halten,
vor einer Selbsttötung überhaupt nicht mit ihren Angehörigen
darüber zu sprechen.
Vielleicht befürchten sie, dass die Angehörigen
danach nicht mehr unbefangen mit ihnen umgehen könnten,
oder dass sie gar alle Hebel in Bewegung setzen könnten,
um den Patienten von seinem Vorhaben abzubringen.

Jedoch gibt es Berichte von Patienten,
die dann doch dem Rat von erfahrenen Menschen gefolgt sind,
mit Angehörigen und engen Freunden darüber zu sprechen,
und die am Ende sehr froh darüber waren.

Ich gehe davon aus, dass das in vielen Fällen ein guter Rat ist.
Hinter dem Wunsch, das Gespräch zu vermeiden,
steht ja eine Art von Misstrauen:
Der Patient vertraut nicht darauf,
dass seine Angehörigen und Freunde so reagieren würden,
dass er das Gespräch nicht bereut.
Es ist gut, wenn dies Misstrauen ausgeräumt werden kann,
wenn vielleicht sogar durch das offene Gespräch
ein Vertrauen aufgebaut wird,
das es vorher in diesem Maße nicht gegeben hat.

Das ist nicht nur deshalb wichtig,
weil es für den Patienten ein gutes Gefühl ist,
seinen Angehörigen und engen Freunden vertrauen zu können.
Es ist auch deshalb wichtig,
weil der Patient dann eine Sorge weniger hat
und sich besser auf die wesentlichen Gesichtspunkte konzentrieren kann,
wenn es um die letzte Entscheidung geht,
ob er wirklich jenen Schritt gehen will, von dem es keine Rückkehr gibt.

 
So erfreulich es ist,
wenn die Gespräche des Patienten
mit seinen Angehörigen und Freunden gut verlaufen,
so sind doch die Befürchtungen von Patienten,
dass es anders kommen könnte,
nicht immer unbegründet.

Fachleute können Hilfen anbieten,
damit bei diesen Gesprächen
nicht allzu viel seelisches Porzellan zerschlagen wird.

Wenn der Patient es wünscht,
dann können Fachleute
vorher mit den Angehörigen einiges durchsprechen.
Außerdem können Fachleute,
soweit der Patient das wünscht, eingreifen,
falls das Gespräch einen sehr ungünstigen Verlauf zu nehmen beginnt.

 
In vorbereitenden Gesprächen mit Angehörigen
können Fachleute eine Reihe von hilfreichen Hinweisen geben.

Beispielsweise zu den Vorstellungen über Selbsttötungen,
die die Angehörigen mitbringen.
Da dürfte manchmal einiges geradezurücken sein.

Etwa, wenn Angehörige meinen,
sie müssten es als einen Hilferuf verstehen,
wenn ein schwerkranker oder schwerbehinderter Mensch
von seiner Absicht spricht, sich in naher Zukunft das Leben zu nehmen.
Fachleute können dazu sagen,
dass so etwas zwar vorkommt, aber nicht in jedem Fall zutreffen muss.
Sie können darüber aufklären, wie es damit aussieht,
wenn das Motiv zur Selbsttötung
nicht in einer schweren Lebenskrise besteht,
etwa den Verlust des Partners oder eines Familienmitgliedes,
sondern in einer schweren Krankheit oder Behinderung.
Wenn der Patient es wünscht,
können die Fachleute auch darüber Auskunft geben,
zu welcher Einschätzung sie im vorliegenden Fall
nach ihren Gesprächen mit dem Patienten gekommen sind.

Ein weiteres Thema könnten Vorstellungen wie diese sein:

„Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung
des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten.
Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe.“
      (aus dem Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2281)

Oder gar:

„Der Suizid ist nur dem Menschen bewußt mögliche gewaltsame Vernichtung des eigenen Lebens. Er ist der stärkste Ausdruck einer Autoaggression (Aggression gegen sich selbst).“
      (ein Torsten Hubert auf seiner Seite Suizid Disclaimer)

Es hat nichts mit mangelnder Eigenliebe
und schon gar nichts mit „Autoaggression“ zu tun,
wenn ein Mensch, vor die Wahl zwischen zwei schweren Übeln gestellt,
sich für dasjenige Übel entscheidet,
das aus seiner Sicht das kleinere ist.

„Aus seiner Sicht“ – das ist wichtig.
Denn hier zählen nicht die Bewertungsmaßstäbe der Angehörigen
und erst recht nicht die Bewertungsmaßstäbe irgendeiner Kirche,
sondern die Bewertungsmaßstäbe des Patienten.

 
Das Verhalten gegenüber dem Patienten
ist ein weiteres Thema, das Fachleute ansprechen können.

Wegzuhören oder verständnislos zu reagieren,
wenn ein Freund oder ein Familienmitglied
Gedanken an Selbsttötung äußert,
das sei genau das Falsche,
warnen Psychiater.
Um „verzweifelten, selbstmordgefährdeten“ Menschen zu helfen,
empfehlen sie Verständnis und offene Gespräche.
(ebenfalls im Artikel Disclaimer in der WELT vom 20.10.2003)

Das hat sich in der Praxis bewährt, wo es darum ging,
übereilte Selbsttötungsversuche zu verhindern.
Zu empfehlen ist es sicherlich ebenso,
wenn es „nur“ noch darum geht,
dass der Patient seine letzte, unwiderrufliche Entscheidung
möglichst ohne Belastungen
durch unerfreuliche Erlebnisse mit seinen Angehörigen treffen kann.

 
Aus dem gleichen Grund
sollten Angehörige m. E. vor Äußerungen gewarnt werden wie:

„Das kannst Du mir doch nicht antun!“

Solche Äußerungen sind manchmal vielleicht spontane Reaktionen,
die mehr auf Hilflosigkeit zurückzuführen sind
als auf die Absicht, den Patienten zu bevormunden.
So etwas ist manchmal vielleicht gesagt,
bevor jemand sich klargemacht hat, was er damit fordert:
dass ein Patient, dem es so schlecht geht, dass er sterben will,
sich gegen seinen Willen weiter quälen soll,
nur um nicht die Seelenruhe seiner Angehörigen zu stören.
Ein Ansinnen,
das an rücksichtslosem Egoismus kaum zu überbieten ist.

Fehl am Platze in einer solchen Situation
ist m. E. auch ein Ratschlag der bereits erwähnten Frau Dr. Doris Wolf:

„Nennen Sie ihm Gründe, wofür es sich für ihn lohnen könnte, weiterzuleben.
Ein Grund könnte z.B. sein,
dass seine Kinder nicht von ihm lernen sollten,
ihr Leben durch Selbstmord zu bewältigen.“
(auf der Seite
Selbstmorddrohung eines Angehörigen –
wie damit umgehen?
Disclaimer
)

Sicher sollen Kinder nicht lernen,
übereilt zur Selbsttötung Zuflucht zu nehmen,
wenn aller Erfahrung nach gute Aussichten bestehen,
dass sie eine augenblickliche Lebenskrise überwinden können
und danach froh sein werden, noch am Leben zu sein.

Aber das ist es ja nicht, was ein Patient seinen Kindern vorlebt,
wenn er an einer schweren Krankheit oder Behinderung
ohne Aussicht auf Besserung leidet,
und wenn er sich nicht übereilt, sondern nach reiflicher Überlegung
für eine Selbsttötung entscheidet.

Von ihm können seine Kinder lernen,
sich eine Entscheidung für eine Selbsttötung nicht zu leicht zu machen.
Sie können von ihm lernen,
dass es lange und eingehend darüber nachzudenken gilt,
bevor man gründlich genug überprüft hat,
ob eine Entscheidung für eine Selbsttötung
auch wirklich im eigenen Interesse ist.
Wer seinen Kindern vorlebt,
wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen und umzusetzen,
braucht sich nichts vorzuwerfen wegen des Beispiels, das er damit gibt.

 
Fachleute können Angehörige beraten;
was  daraus wird, das liegt an den Angehörigen.
Es wird Angehörige geben,
denen ein Beratungsgespräch mit Fachleuten kaum Neues bringt,
nur eine Bestätigung dessen, was sie ohnehin für richtig hielten.
Es wird Angehörige geben,
die gern Rat von Fachleuten annehmen,
um weniger hilflos vor der Frage zu stehen,
wie sie sich am besten dem Patienten gegenüber verhalten..
Aber es wird auch Angehörige geben,
die allen Ausführungen der Fachleute zum Trotz
keinerlei Bereitschaft zeigen,
eine wohlüberlegte Entscheidung zur Selbsttötung zu respektieren.

Dieser Mangel an Respekt
dürfte insbesondere dann schwer zu überwinden sein,
wenn Angehörige aus religiösen Gründen
der Meinung sind, sie müssten unbedingt
den Patienten von seinem Vorhaben abbringen.
Religiöse Menschen gehen vielfach davon aus,
dass bestimmte Gebote von einem Gott gegeben seien
und für alle Menschen verpflichtend seien.
Das macht es für einige religiöse Menschen schwer zu akzeptieren,
dass andere Menschen jedes Recht haben,
anderer Meinung zu sein
und entsprechend ihren eigenen Überzeugungen zu leben.

Besonders schwer dürfte das religiösen Menschen fallen,
die zum Glauben an eine besonders unbarmherzige Lehre
erzogen wurden, und die diesen Glauben beibehalten haben:
den Glauben, dass ein Mensch, der sich selbst tötet,
nicht nur eine Sünde, sondern eine Todsünde begeht:
„Der Mensch schneidet sich selbst die Möglichkeit zur Reue ab [...]. Wer Suizid begeht, ist ewig verloren“,
verkündete Thomas von Aquin (ca. 1225–1274).

Ob es diesen Menschen hilft, wenn man ihnen sagt,
dass dies nur eine theologische Meinung unter vielen anderen ist?

Selbst die Römisch-Katholische Kirche
rückt – wenngleich sie den „Selbstmord“ weiterhin scharf ablehnt –
von dieser unbarmherzigen Lehre vorsichtig ab:

„Man darf die Hoffnung auf das ewige Heil der Menschen,
die sich das Leben genommen haben, nicht aufgeben.
Auf Wegen, die Gott allein kennt, kann er ihnen Gelegenheit
zu heilsamer Reue geben. Die Kirche betet für die Menschen,
die sich das Leben genommen haben.“
      (aus dem Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2283)

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
bemerkt zu der Vorstellung vom Suizid  als „Todsünde“,
durch die die Gnade Gottes verwirkt würde:

„Doch dieses [...] Urteil über Suizid und Suizidanten
hat sich mehr und mehr selbst ins Unrecht gesetzt,
weil die Barmherzigkeit vernachlässigt wurde,
und es bestimmt heutzutage die Praxis beider Kirchen
nicht mehr oder nur noch selten.“
      (EZW, Information Nr. 90 Disclaimer
)

Zur Bibel
stellt der katholische Theologe Hans Küng fest:

„Gegen eine Selbsttötung [...] wird man auch in der Bibel
kaum ein Argument finden.
Im Alten Testament wird die Selbsttötung
im Fall des Abimelech, des Samson oder des Rasis
zum Teil mit Zustimmung berichtet;
anders im Neuen Testament die des Verräters Judas.
Doch die Selbsttötung
wird nirgendwo in der Bibel ausdrücklich verboten.“
      (Walter Jens, Hans Küng,
      Menschenwürdig sterben.
      Ein Plädoyer für Selbstverantwortung
, S. 62 f.)

Der Hinweis auf diese Vielfalt bedeutet natürlich nur,
dass Gläubige sich zu entscheiden haben;
er besagt nicht, wie sie sich zu entscheiden haben.
Aber vielleicht begreift der eine oder andere Gläubige,
dass er es sich zu einfach macht,
wenn er unbesehen alle Vorstellungen übernimmt,
zu denen er erzogen wurde.

Und wenn er nachzudenken beginnt,
dann ist vielleicht vorsichtiger Optimismus erlaubt,
dass er sich wenigstens von der Vorstellung trennen wird,
dass Selbsttötung in jedem Fall zu ewiger Verdammnis führen würde.
Skeptischer bin ich hinsichtlich der Möglichkeit,
dass jemand, der die Selbsttötung bislang für streng verboten hielt,
seine Meinung dahingehend ändern könnte,
dass er sie fortan für erlaubt hält.
Ein Katholik müsste sich dazu
in Widerspruch zur eindeutigen Lehre seiner Kirche setzen.
Ein Protestant vielleicht nicht oder jedenfalls nicht in gleicher Weise;
im eben erwähnten Dokument
der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
heißt es immerhin:

„Voraussetzung für das Gespräch mit Suizidalen
ist das Eingeständnis,
dass Menschen durch Suizid wie durch Krebs sterben dürfen ...“

 
Wie auch immer, im Vorgespräch mit Angehörigen
können Fachleute ihr Bestes versuchen;
jedoch nicht immer werden sie verhindern können,
dass einige Angehörige bei Einstellungen bleiben,
die für ein Gespräch mit dem Patienten
zu ernsten Befürchtungen Anlass geben.

In einem solchen Fall sollte die Entscheidung beim Patienten liegen:
Will er einerseits den Kontakt mit diesen Angehörigen aufrechterhalten,
weiß er aber andererseits nicht recht,
ob er sich das ganz allein zutrauen kann,
dann könnten ihm Fachleute
für das nächste Gespräch mit diesen Angehörigen
weitere Unterstützung anbieten:

Es könnte dafür gesorgt werden,
dass der Patient jederzeit leicht Hilfe herbeirufen kann,
falls er das Gespräch als zu belastend empfindet.
Es könnte, wenn der Patient das wünscht,
von Anfang an jemand mit Fachkompetenz anwesend sein:
sei es, um zu moderieren,
sei es, um notfalls eingreifen zu können,
falls das Gespräch einen sehr ungünstigen Verlauf zu nehmen beginnt
und/oder – je nachdem, was zuvor mit dem Patienten vereinbart wurde –
falls der Patient erkennen lässt, dass es zu belastend für ihn wird.

 
Angebote von fachkundiger Vorbereitung und/oder Begleitung
von ersten Gesprächen zwischen Patienten und Angehörigen
können den wünschenswerten Nebeneffekt haben,
den Angehörigen später bei der Verarbeitung des Erlebten zu helfen.
Hauptziel aber sollte sein,
dass der Patient seine letzte, unwiderrufliche Entscheidung
möglichst ohne Belastungen
durch unerfreuliche Erlebnisse mit seinen Angehörigen treffen kann.

 
Wenn andersartige Motive für eine Selbsttötung hinzukommen

Ebenso wichtig kann es sein,
dass der Patient seine letzte, unwiderrufliche Entscheidung
möglichst ohne schwere Belastungen anderer Art treffen kann.

Eine schwere Krankheit oder Behinderung ändert ja nichts daran,
dass der Patient vielleicht auch noch andere Gründe hat,
an Selbsttötung zu denken.
Beispielsweise, wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist,
oder wenn ihm der Tod des Ehegatten sehr zu schaffen macht.
Oder wenn berufliche Lebenspläne gescheitert sind.

Wenn ein jüngerer, gesunder Mensch
aus solchen Gründen aus dem Leben scheiden will,
dann ist das oft keine wohlüberlegte und dauerhafte Entscheidung.

„84 Prozent aller Personen, die einen Suizidversuch überlebt haben, seien später froh, noch am Leben zu sein“,
      (Angaben von Professor Karl-H. Beine,
      laut dem bereits erwähnten
Artikel Disclaimer
      in der WELT vom 20.10.2003)

Bei einem unheilbar schwerkranken oder schwerbehinderten Menschen
können solche Gründe jedoch ein ganz anderes Gewicht bekommen.
Seinen Möglichkeiten,
in neuen Kontakten und neuen Aktivitäten
neue Freude am Leben zu finden,
sind durch die Krankheit oder die Behinderung
manchmal enge Grenzen gesetzt.
So ist nicht auszuschließen,
dass eine Entscheidung für einen baldigen Tod
auch dann eine wohlüberlegte und dauerhafte Entscheidung sein kann,
wenn Gründe der beschriebenen Art
bei dieser Entscheidung eine große Rolle gespielt haben.

Andererseits ändert eine schwere Krankheit oder Behinderung
auch nichts daran, dass ein Patient vielleicht Probleme hat,
bei denen Hilfe möglich ist oder zumindest einen Versuch wert.
Beispielsweise bei Konflikten mit nahen Angehörigen.
Es kann sich lohnen, nach einer Lösung zu suchen
oder wenigstens nach einer Möglichkeit,
die Belastung durch diese Probleme zu verringern.

Auch wenn sich dadurch
nichts an der Entscheidung für einen baldigen Tod ändert,
kann es doch der Mühe wert sein,
dem Patienten für die letzten Tage seines Lebens
Erleichterung zu verschaffen
und seine letzte, unwiderrufliche Entscheidung
möglichst frei zu halten von vermeidbaren Belastungen.

 
Druck von Angehörigen – Sorge um Angehörige

Ein Lieblingsargument von Gegnern der Hilfe zum Sterben
besteht in der Warnung, dass Angehörige Druck ausüben könnten,
um den Patienten zu einer baldigen Selbsttötung zu veranlassen.

Selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben der Fachleute
im hier vorgeschlagenen Genehmigungsverfahren,
dass sie darauf achten, ob es Anzeichen für einen solchen Druck gibt.

Wenn sie Anzeichen feststellen,
dann kann das für den Patienten bedeuten,
dass er mit einem quälenden Problem nicht mehr allein ist.
Dass er Unterstützung finden kann
gegen die Versuchung,
sich zu einer fremdbestimmtem Selbsttötung drängen zu lassen.
Unterstützung, die er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht findet,
solange es keine legale ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung gibt
und daher auch kein Verfahren zu ihrer Genehmigung.

 
Andererseits gibt es auch Patienten,
die sich von sich aus Gedanken darüber machen,
wie ihre Pflegebedürftigkeit sich auf ihre Angehörigen auswirkt.

Manche alten Menschen empfinden es als entwürdigend,
wenn sie ihren Kindern auf der Tasche liegen müssen.
Namentlich, wenn das bedeutet,
dass ihre Kinder sich in erheblichem Maße einschränken müssen
und auch noch die Enkel davon betroffen sind.

Erst recht bedrückend muss es für einen Patienten sein,
wenn er Grund zu der Sorge sieht,
dass der Mensch oder die Menschen,
die ihn pflegen und betreuen,
damit körperlich oder seelisch überfordert sein könnten.
Dass sie durch körperliche Überforderung
Schaden an ihrer Gesundheit nehmen könnten.
Oder dass sich Folgen von seelischer Überforderung einstellen könnten,
wie Burn-out-Syndrom, psychosomatische Beschwerden, Depressionen, Sucht nach Psychopharmaka oder Alkohol usf.

Das sind Probleme, die für den Patienten sehr belastend sein können.
Es kann wichtig sein, nach einer Lösung zu suchen,
die zu einer Verbesserung führt;
eine Lösung zur vollen Zufriedenheit des Patienten
wird sich allerdings nicht immer finden lassen.

Sollte der eine oder andere Patient auf den Gedanken verfallen,
er könnte sich das Leben nehmen,
damit seine Angehörigen es leichter haben,
dann muss gefragt werden:
Täte er seinen Angehörigen so wirklich einen Gefallen?
Hält er seine Angehörigen etwa für Menschen,
die problemlos damit leben könnten?
Gerade wenn die Angehörigen es wert sind,
dass der Patient sich in dieser Weise um sie sorgt,
wäre eher zu erwarten,
dass diese Angehörigen schwer daran zu tragen hätten:
Sie könnten sich Vorwürfe machen,
sie könnten glauben, versagt zu haben,
sie könnten sogar Schuldgefühle entwickeln.

 
Wenn das Problem darin besteht,
dass pflegende Angehörige von Überforderung bedroht sind,
dann werden Fachleute in vielen Fällen
nichts Besseres zu empfehlen haben
als eine Heimunterbringung des Patienten.

In diesen Fällen dürfte nicht selten
die ganze psychologische Kompetenz und Erfahrung
von geeigneten Fachleuten gefragt sein,
um beim Patienten wie bei den Angehörigen
jene Barrieren zu überwinden,
die eine wohlmeinende Gesellschaft
gegen das „Abschieben ins Heim“ errichtet hat,
indem sie es als „Bequemlichkeit“ und „Egoismus“
oder gar als „Herzlosigkeit“ diffamiert.

Solche Diffamierungen haben viele Angehörige nicht verdient.
Vor allem nicht die Angehörigen,
die einen Patienten liebevoll gepflegt haben, bis es nicht mehr ging.

Aber auch sonst gilt für derlei moralische Wertungen:
Was gut gemeint ist,
das ist nicht immer das, was Gutes bewirkt.
Jene Idylle, in der ein pflegebedürftiger Patient
von seinen Angehörigen liebevoll gepflegt wird,
ist nur da zu erhoffen,
wo die äußeren wie die zwischenmenschlichen Bedingungen günstig sind.
Wo genug Raum zur Verfügung steht,
genug Zeit und genug finanzielle Mittel;
und wo Patient und Angehörige einigermaßen miteinander auskommen.
Manchmal aber sind die Bedingungen so ungünstig,
dass eher zu erwarten ist,
dass es bald zu Verstimmungen kommt
oder sogar zu heftigen Konflikten.
Angehörige, die sich dann gar nicht erst darauf einlassen,
einen Patienten in ihre Wohnung aufzunehmen und selbst zu pflegen,
handeln vielfach im Interesse aller Beteiligten.

Unterstützung bei Entscheidungen,
wo ein Patient die notwendige Pflege erhalten soll,
kann eine wichtige Aufgabe für geeignete Fachleute sein.
Damit aus einer solchen sachlichen Schwierigkeit
nach Möglichkeit kein Beziehungsproblem
zwischen Patient und Angehörigen wird.

 
Passive Sterbehilfe durch Angehörige

Angehörige, die einen Patienten in ihrer oder in seiner Wohnung pflegen,
werden vielleicht einmal gebeten:

„Beim nächsten Mal hol bitte nicht den Notarzt!
Lass mich einfach sterben!“

Oder:

„Nun dräng mich doch nicht immer so, dass ich trinken soll.
Ich brauche das zum Leben?
Aber ich will doch gar nicht mehr weiterleben.
Also lass mich bitte in Ruhe.
Wenn ich wenig trinke und deswegen früher sterbe,
dann ist mir das ganz recht so.“

Einige Angehörige könnten dann unsicher sein:
Sollen sie sich danach richten?

        Täten sie damit dem Patienten einen Gefallen?

        Würden sie damit nicht das Risiko
einer strafrechtlichen Verfolgung auf sich nehmen?

Mit der Feststellung, dass Patienten in Deutschland das Recht haben,
medizinische Behandlungen abzulehnen,
ist das Problem nicht erledigt.
Es bleibt die Frage:
Kann man im konkreten Fall davon ausgehen,
dass die Ablehnung einer medizinischen Behandlung
eine wohlüberlegte und rechtsgültige Entscheidung ist?
Für Laien ist das manchmal nicht leicht einzuschätzen.
Und selbst wenn die Angehörigen sich ihrer Sache sicher sind,
haben sie damit noch keine Garantie,
dass Staatsanwälte und Richter das nicht womöglich anders sehen.

Abhilfe gegen diese Unsicherheiten
könnten die gleichen Fachleute bieten,
die auch in Verfahren zur Genehmigung
von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung oder aktiver Sterbehilfe
zum Einsatz kommen könnten.
Der Rat dieser Fachleute
könnte für die Angehörigen eine wertvolle Hilfe sein,
um zu entscheiden,
wie sie auf bestimmte Bitten des Patienten reagieren sollen;
und um sich sicherer zu fühlen,
dass sie dann, wenn sie dem Rat der Fachleute folgen,
aller Wahrscheinlichkeit nach das Richtige für den Patienten tun.
Zugleich könnten die Fachleute
eine Bescheinigung über ihre Empfehlungen ausstellen,
sodass Angehörige, die sich daran halten,
keine Strafverfolgung zu befürchten hätten.

 
Beihilfe zur Selbsttötung durch Angehörige

Angehörige sind gewöhnlich nicht in der Lage,
den gleichen Schutz vor einer voreiligen Selbsttötung zu bieten
wie jene Fachleute,
an die der Patient sich vielleicht gern wenden würde,
wenn sie eine Genehmigung
von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung erteilen könnten.

Angehörige verfügen gewöhnlich über weniger Wissen,
können dem Patienten
weniger Alternativen zur Selbsttötung aufzeigen.

Und Angehörige verfügen gewöhnlich über weniger Erfahrung.
Sie können nicht so gut beurteilen,
ob der Wunsch nach einer Selbsttötung
auf einer wohlüberlegten und dauerhaften Entscheidung beruht,
oder ob dieser Wunsch
vor allem einer vorübergehenden Phase
von Niedergeschlagenheit entspringt,
vielleicht sogar eine Kurzschlussreaktion ist.

 
Darüber hinaus
kann es durch die besondere seelische Situation von Menschen,
die einen schwer leidenden geliebten Menschen betreuen,
zu Fehleinschätzungen und Fehlreaktionen kommen.

Diese Menschen sind den verschiedensten Belastungen ausgesetzt.
Manchmal werden ihre Arbeitskraft, ihre Nervenkraft und ihre Zeit
in einer Weise in Anspruch genommen,
dass wenig Raum bleibt für ein eigenes Leben,
geschweige denn für ein planbares eigenes Leben.
Manche Betreuende leben in ständiger Angst,
dass der Patient einen Anfall bekommen könnte,
dass sein Zustand sich plötzlich dauerhaft verschlechtern könnte,
oder dass er plötzlich sterben könnte.
Heftige Beschwerden des Patienten
erregen das Mitgefühl des Betreuenden, sodass er mitleidet.
Zugleich werden die eigenen Ängste des Betreuenden
vor solchem Leiden aufgerührt.

Da könnte es vorkommen, dass der Betreuende
eher am Ende seiner Kräfte ist als der Patient selbst.
Er könnte die eigenen Ängste
und die eigene Verzweiflung angesichts dieses Leidens,
und den eigenen Wunsch, dass dies alles ein Ende nehmen möge,
in den Patienten hineinprojizieren.
Dann wird er für selbstverständlich halten,
dass der Patient eben diese Gefühle hätte.

Das könnte den Betreuenden dazu verleiten,
allzu leicht an einen ernsthaften Sterbewunsch des Patienten zu glauben.
Dann kann es hilfreich sein,
wenn ein unbeteiligter Experte daran erinnert,
wie verschieden die Menschen sind.
Dass das, was dem einen unerträglich erscheint,
von einem anderen noch lange nicht
als unerträglich empfunden werden muss.
Und dass es bei der Entscheidung
allein auf den wohlüberlegten Willen des Patienten ankommen muss.

Wenn ein Betreuender die Leiden des Patienten intensiv mitempfindet,
dann fehlt ihm die innere Distanz eines unbeteiligten Experten,
die es leichter machen könnte,
Kurzschlussreaktionen und vorübergehende Stimmungen
als solche zu erkennen
und nötigenfalls auf einer Bedenkzeit zu beharren.
Vom unbeteiligten Experten kann erwartet werden,
dass er wohlüberlegte Entscheidungen anstrebt.
So würde er darauf hinwirken,
dass Entscheidungen möglichst dann getroffen werden,
wenn die Voraussetzungen für ruhige Überlegungen günstig sind.

Ein mitfühlender Mensch hingegen könnte sich getrieben fühlen,
gerade dann aktiv zu werden,
wenn der Patient besonders schweren Belastungen ausgesetzt ist;
wenn also die Gefahr von Kurzschlussreaktionen besonders groß ist.
Wenn der mitfühlende Mensch zu Kurzschlussreaktionen neigt,
dann kann es dazu kommen,
dass er Kurzschlussreaktionen des Patienten eher verstärkt als auffängt,
ja, dass er sie womöglich überhaupt erst auslöst.

Illegalität verstärkt die Neigung,
im ungünstigsten Augenblick zur Tat zu schreiten.
Je besser es dem Patienten geht,
um so mehr können sich die Hemmungen der Beteiligten auswirken,
etwas Illegales zu tun oder auch nur ernsthaft darüber nachzudenken.
Das Problem wird verdrängt.
In schlechten Augenblicken können Patient und Betreuender
dann nicht auf besonnene Gedanken zurückgreifen,
die sie sich in besseren Augenblicken hätten erarbeiten können.
Um so größer ist die Gefahr,
dass Schmerz und Mitleid allein das Feld beherrschen
und eine übereilte Beendigung des Lebens herbeiführen.

 
Voraussetzungen für eine gute Schutzwirkung

Hauptgrund für die Forderung,
dass ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung und aktive Sterbehilfe
unter bestimmten, gesetzlich geregelten Voraussetzungen
möglich sein sollen,
ist natürlich das Anliegen,
leidenden Menschen die Möglichkeit zu bieten,
selbstbestimmt und auf humane Weise zu sterben.

Ein erwünschter Nebeneffekt
ist bei geeigneter Ausgestaltung der gesetzlichen Regelungen zu erhoffen:
Dass es gelingen könnte,
Menschen vor voreiligen Selbsttötungsversuchen zu bewahren.

Damit das Verfahren zur Genehmigung
von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung oder aktiver Sterbehilfe
seine Schutzwirkung entfalten kann,
müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:

        Zum einen muss in dem Gremium,
das zur Erteilung der Genehmigungen berechtigt ist,
die erforderliche Kompetenz und Erfahrung vorhanden sein.

        Zum anderen dürfen die Bedingungen,
unter denen die Genehmigung zu erhalten ist,
nicht zu abschreckend sein.
Ein Angebot, das nicht angenommen wird,
kann auch nichts bewirken.

 
Kompetenzen

Welche Kompetenzen in dem Gremium vorhanden sein müssen,
das zur Erteilung der Genehmigungen berechtigt ist,
das kann von Patient zu Patient variieren.

Der schweren unheilbaren Krankheit oder Behinderung
des Patienten entsprechend,
sollte m. E. immer mindestens ein Mediziner dabei sein,
der hervorragende Kenntnisse hat
über diese Krankheit oder Behinderung
und über die Möglichkeiten von Therapien.

Falls der Patient sehr unter Schmerzen leidet
oder sonstigen körperlichen Beschwerden,
könnte ein Palliativmediziner wertvolle Hinweise geben.
Falls das Problem des Patienten vor allem darin besteht,
dass ihm bestimmte Fähigkeiten fehlen,
dann könnte der Rat von Therapeuten hilfreich sein;
Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden etc.
verfügen bisweilen über mehr Detailkenntnisse
als die entsprechenden Fachärzte.

Auf jeden Fall sollten alle stimmberechtigten Mitglieder des Gremiums,
das einem Patienten die Genehmigung erteilen kann,
psychologisch geschult sein
und erfahren im Umgang mit ähnlichen Patienten.

 
Angebote helfen nur, wenn sie genutzt werden

An sich ist es ein attraktives Angebot
für Menschen, die selbstbestimmt sterben wollen,
wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird,
dies mit ärztlicher Hilfe zu tun,
durch Beihilfe zur Selbsttötung oder durch aktive Sterbehilfe.
Denn so haben sie die besten Chancen,
dass ihr Sterben human verläuft,
ohne quälende Komplikationen
und ohne dass es zu einem besonders unglücklichen Ende kommt,
zum Überleben in einem Zustand, der schlimmer ist als zuvor.

 
Attraktiv ist dies Angebot allerdings nur dann,
wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
Eine der wichtigsten:

Ein Patient muss gute Aussichten haben,
die Genehmigung tatsächlich zu erhalten,

wenn er an einer schweren unheilbaren Krankheit
oder an einer schweren Behinderung leidet
und wenn sein Wunsch zu sterben wohlüberlegt ist und von Dauer.

Wichtig sind außerdem gute Aussichten,
dass ein solcher Patient nicht allzu lange
auf die Genehmigung warten muss.

Wenn Patienten hingegen die Aussichten als schlecht einschätzen,
werden viele gar nicht erst versuchen, die Genehmigung zu erhalten.
Dann würde es bei einer Vielzahl
von laienhaften Selbsttötungsversuchen
durch schwerkranke oder schwerbehinderte Menschen bleiben,
mit all den Risiken von voreiligen Versuchen, von Komplikationen
und von Überleben in einem erst recht beklagenswerten Zustand.

 
Eine weitere Voraussetzung
dürfte ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein:

Keine Angst vor Zwangseinweisung
in eine geschlossene Abteilung einer Klinik für Psychiatrie

Angst vor einer solchen Zwangseinweisung
würde viele Menschen davon abhalten,
sich vertrauensvoll an Fachleute zu wenden.
Insbesondere dann, wenn sie sich das Leben nehmen wollen
und befürchten müssten,
dass sie das im Falle einer Zwangseinweisung nicht mehr könnten.

Solche Zwangseinweisungen sind eine zweischneidige Sache:
Wer damit einzelne Menschen
vor einer voreiligen Selbsttötung schützen will,
der schreckt vielleicht viel mehr Menschen davon ab,
fachkundige Hilfe zu suchen
und eine bessere Chance zu erhalten,
Alternativen zu einer voreiligen Selbsttötung zu finden.

Zu bedenken ist außerdem,
dass Zwangsmaßnahmen auch dann,
wenn sie einen Menschen vor sich selbst schützen sollen,
immer einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht
dieses Menschen darstellen.

Unter bestimmtem Umständen
können diese Zwangsmaßnahmen trotzdem gerechtfertigt sein:
wenn jemand die Kontrolle über sein Handeln weitgehend verloren hat,
etwa durch Alkohol oder Drogen
oder durch eine Psychose oder eine ähnliche Erkrankung.

Davon kann aber vielfach keine Rede sein,
wenn ein Mensch mit einer schweren Krankheit oder Behinderung
eine Genehmigung von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung
oder von aktiver Sterbehilfe beantragt.
Auch dann nicht,
wenn diese Genehmigung verweigert werden muss.

Es macht einen Unterschied,
ob es darum geht, eine Selbsttötung aktiv zu unterstützen,
oder darum, auf Zwangsmaßnahmen zu ihrer Verhinderung zu verzichten.
Im ersten Fall ist es die Unterstützung,
die gegebenenfalls einer Rechtfertigung bedarf;
im zweiten Fall sind es die Zwangsmaßnahmen,
die gegebenenfalls einer Rechtfertigung bedürfen.

Die Anforderungen,
die an eine Rechtfertigung von Zwangsmaßnahmen zu stellen sind,
müssen hoch sein.
Hoch genug,
damit ein Patient, der bei Verstand ist,
keine Angst zu haben braucht,
dass es mit einer Zwangseinweisung
in eine geschlossene Abteilung einer Klinik für Psychiatrie enden könnte,
wenn er einen Antrag auf Genehmigung
von ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung oder aktiver Sterbehilfe stellt.

  
Eine verständnisvolle und ergebnisoffene Beratung
sollte selbstverständlich sein
im hier vorgeschlagenen Genehmigungsverfahren.

Ungeeignet für das Gremium, das die Genehmigungen erteilen kann,
sind deshalb Menschen,
die grundsätzlich etwas gegen ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung
und/oder gegen aktive Sterbehilfe haben.

Ebenso ungeeignet sind natürlich
Vertreter von Krankenkassen, Rentenkassen, Sozialkassen
und sonstigen Institutionen,
die einen finanziellen Vorteil davon haben,
wenn ein Patient bald stirbt.

Ein Mittel zur Sicherstellung
einer verständnisvollen und ergebnisoffenen Beratung
könnte darin bestehen,
dass Patienten im Anschluss an das Genehmigungsverfahren
gebeten werden, anonym eine Bewertung abzugeben.

 
Ergebnisoffenheit soll nicht einseitig bleiben müssen.

Der Patient sollte darauf vertrauen können,
dass auch er im Verfahren eine gewisse Ergebnisoffenheit zeigen darf.
Dass ihm das nicht als Unbeständigkeit ausgelegt wird,
die eine spätere Genehmigung unerreichbar machen könnte,
sondern als Zeichen von ernsthaftem Bemühen,
zu einer wohlüberlegten Entscheidung zu kommen.

Der Patient sollte davon ausgehen können,
dass es in Ordnung ist,
wenn sich eine wohlüberlegte und dauerhafte Entscheidung
erst im Laufe des Verfahrens herausbildet.

 
Vertraulichkeit
ist ebenfalls von großer Bedeutung
für das hier vorgeschlagenen Genehmigungsverfahren.

Patienten sollten nicht befürchten müssen,
dass Angehörige oder sonstige wichtige Personen aus ihrem Umfeld
von dem Genehmigungsverfahren erfahren,
bevor die Patienten sich damit einverstanden erklärt haben.

Ebenso sollten Patienten nicht befürchten müssen,
dass Geistliche oder sonstige Vertreter
einer Religionsgemeinschaft oder Weltanschauungsgemeinschaft
etwas davon erfahren,
bevor die Patienten sich damit einverstanden erklärt haben.

Es muss sichergestellt sein,
dass niemand aus dem genannten Personenkreis
dem Gremium angehört, das über die Genehmigung entscheidet,
außer wenn der Patient sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt.

 
Organisatorische Einzelheiten

Das Gremium, das über die Genehmigung entscheidet,
stelle ich mir so vor, dass ihm in der Regel
drei stimmberechtigte Mitglieder angehören sollten.

Besser nicht nur eines oder zwei,
damit die Entscheidung nicht zu sehr
von der zufälligen Zusammensetzung des Gremiums abhängt.

Drei stimmberechtigte Mitglieder,
das dürfte meiner Einschätzung nach in der Regel genügen,
um die wichtigsten Kompetenzen in diesem Kreis zusammenzuführen.
Zumal es den stimmberechtigten Mitgliedern unbenommen bleibt,
bei Bedarf Informationen und Stellungnahmen
von weiteren Fachleuten einzuholen.

Die stimmberechtigten Mitglieder jedoch
hätten eine umfassendere Aufgabe:
sie könnten sich nicht darauf beschränken,
Informationen und Stellungnahmen zu einzelnen Fragen zu liefern;
für eine verantwortungsvolle Entscheidung am Ende
müssten sie mit dem gesamten Verfahren vertraut sein.
Deshalb halte ich mehr als drei
in der Regel nicht für wünschenswert:
Unnötige Verzögerungen sollten vermieden werden,
Patienten sollten nicht länger als nötig
auf eine Entscheidung warten müssen.

 
Wichtiger noch als eine kurze Wartezeit
ist für die Patienten eine faire Chance,
die Genehmigung zu erhalten,
wenn sie die Voraussetzungen erfüllen.

Deshalb würde ich dafür plädieren,
dass es für eine Genehmigung genügen soll,
wenn mehr als die Hälfte
der stimmberechtigten Mitglieder dafür gestimmt hat,
in der Regel also mindestens zwei von drei.

Die Genehmigung auch dann zu erteilen,
wenn eine Minderheit dagegen gestimmt hat,
das halte ich für vertretbar.
Schließlich ist eine solche Genehmigung kein Todesurteil.
Die Entscheidung,
ob von einer solchen Genehmigung Gebrauch gemacht wird,
liegt immer noch beim Patienten.

 
Für bestimmte Fälle sollte es außerdem Härtefallregelungen geben.
Ich denke an Patienten,
die, vielleicht plötzlich, unter sehr heftigen Schmerzen
oder sonstigen quälenden körperlichen Beschwerden leiden,
und für die ein erträgliches Weiterleben
nur durch eine sehr belastende Operation oder Chemotherapie
oder überhaupt nicht ermöglicht werden könnte.
Für diese Patienten kann es unzumutbar sein,
zu warten, bis das reguläre Genehmigungsverfahren abgeschlossen ist.
Für diese Patienten sollten Möglichkeiten geschaffen werden,
schneller ärztliche Hilfe zu einem selbstbestimmten Tod zu erhalten.

 
Die organisatorischen Einzelheiten, die ich hier skizziert habe,
sind als Anregung gedacht.
Sie sollen die Aufmerksamkeit auf einige Punkte lenken,
die wichtig sein könnten,
wenn das vorgeschlagene Genehmigungsverfahren
seinen Zweck erfüllen soll.
Möglicherweise lassen sich organisatorische Regelungen finden,
mit denen dieser Zweck ebenso erfüllt werden kann
oder sogar noch besser.

Worauf es ankommt,
das sind nicht die hier vorgeschlagenen organisatorischen Einzelheiten.

 
Worauf es ankommt, das ist das Ziel:

Unheilbar schwerkranken und schwerbehinderten Menschen
soll die Möglichkeit eröffnet werden,
selbstbestimmt und human zu sterben,
wenn dies ihr wohlüberlegter und dauerhafter Wunsch ist.

Zu diesem Zweck
müssen ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung und aktive Sterbehilfe
unter bestimmten, gesetzlich geregelten Voraussetzungen möglich sein.

Die Genehmigungsverfahren müssen so gestaltet sein,
dass die Patienten, die die Voraussetzungen erfüllen,
gute Chancen haben,
die Genehmigung tatsächlich zu erhalten.
Unter Bedingungen,
die für diese Patienten akzeptabel sind.

Die Genehmigungsverfahren müssen so gestaltet sein,
dass die wenigsten dieser Patienten motiviert sind,
Selbsttötungsversuche ohne fachkundige Unterstützung vorzuziehen.
Und dass kein Arzt
sich mehr vor die Alternative gestellt sehen muss,
einen leidenden Patienten im Stich zu lassen
oder etwas Verbotenes zu tun.

 
Bei geeigneter Gestaltung der gesetzlichen Regelungen
kann eine Legalisierung
von ärztlicher Beihilfe zu Selbsttötung und aktiver Sterbehilfe
beides bewirken:

Hilfe zu einem humanen Tod
für Menschen, die diese Hilfe brauchen –
und Schutz vor ungerechtfertigtem Gebrauch von Hilfe zum Sterben,
vor voreiligem Gebrauch wie vor Missbrauch,
für Menschen, die diesen Schutz brauchen.

 
Braunschweig, den 6. Dezember 2011

Irene Nickel

________________________________________________________

1 „Katechismus der Katholischen Kirche“, Nr. 2277

2 „Katechismus der Katholischen Kirche“, Nr. 2280-2283

3 „Katechismus der Katholischen Kirche“, Nr. 2278-2279:

2278   Die Moral verlangt keine Therapie um jeden Preis. Außerordentliche oder zum erhofften Ergebnis in keinem Verhältnis stehende aufwendige und gefährliche medizinische Verfahren einzustellen, kann berechtigt sein. Man will dadurch den Tod nicht herbeiführen, sondern nimmt nur hin, ihn nicht verhindern zu können. Die Entscheidungen sind vom Patienten selbst zu treffen, falls er dazu fähig und imstande ist, andernfalls von den gesetzlich Bevollmächtigten, wobei stets der vernünftige Wille und die berechtigten Interessen des Patienten zu achten sind.

2279   Selbst wenn voraussichtlich der Tod unmittelbar bevorsteht, darf die Pflege, die man für gewöhnlich einem kranken Menschen schuldet, nicht abgebrochen werden. Schmerzlindernde Mittel zu verwenden, um die Leiden des Sterbenden zu erleichtern selbst auf die Gefahr hin, sein Leben abzukürzen, kann sittlich der Menschenwürde entsprechen, falls der Tod weder als Ziel noch als Mittel gewollt, sondern bloß als unvermeidbar vorausgesehen und in Kauf genommen wird.

4 Walter Jens, Hans Küng, „Menschenwürdig sterben“, S. 54

5 Walter Jens, Hans Küng, „Menschenwürdig sterben“;
auf S. 11, unter „Zum Geleit“, bekennen sich Walter Jens und Hans Küng zu „unseren Plädoyers für die aktive Sterbehilfe“;
auf S. 65 f beschreibt Hans Küng „Bedingungen für die Gewährung aktiver Sterbehilfe“, die von dem reformierten Theologen Harry M. Kuitert formuliert wurden und von dem Küng schreibt:
„von dem ich mich in mancher Hinsicht in meinen Auffassungen bestätigt sehe.“

67 FAZ Sonntagszeitung vom 07. April 2004;
Wir werden unfähig, den Tod anzuerkennen
Die aktive Sterbehilfe ist nur ein Ausweichmanöver
,
Gastkommentar von Thomas Rachel,
zu der Zeit Sprecher der CDU/CSU-Fraktion
in der Enquete‑Kommission des Bundestags
„Ethik und Recht der modernen Medizin“,
und Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises
der CDU/CSU

8 Gedankenspiel zur Zulassung aktiver Sterbehilfe
ist ein Irrweg
Disclaimer von Thomas Rachel, im Presseportal der CDU/CSU-Fraktion

9 (Muster-) Berufsordnung für die deutschen Ärztinnen und Ärzte (Stand 2011) Disclaimer, § 16;
die Neufassung von 2011 „formuliert erstmals ausdrücklich das über das Strafrecht hinausgehende Verbot einer ärztlichen Beihilfe zu Selbsttötungen“, heißt es auf der Seite.

Nachtrag:
Interessant ist in diesem Zusammenhang
ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 30.3.2012.
Danach hätte die Ärztekammer Berlin
kein uneingeschränktes Verbot
der Überlassung todbringender Medikamente an Sterbewillige
gegenüber einem Arzt aussprechen dürfen.
Denn es sei unvereinbar
mit der Freiheit der Berufsausübung (Art. 12 GG)
und der Gewissensfreiheit des Arztes (Art. 2 Abs. 1 GG),
„die ärztliche Beihilfe zum Suizid auch in Ausnahmefällen
unter Androhung eines Zwangsgeldes zu verbieten,
in denen ein Arzt
aufgrund einer lang andauernden, engen persönlichen Beziehung
in einen Gewissenkonflikt geraten würde,
weil die Person, die freiverantwortlich die Selbsttötung wünsche,
unerträglich und irreversibel an einer Krankheit leide
und alternative Mittel der Leidensbegrenzung
nicht ausreichend zur Verfügung stünden.“

Dabei hat das Gericht wegen grundsätzlicher Bedeutung
die Berufung zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zugelassen.

(Quelle: Pressemitteilung Nr. 17/2012 vom 02.04.2012 Disclaimer
der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz;
Urteil
Az: VG 9 K 63.09)

10, 11  Beratungsstellen befürwortet auch
die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS); sie legte dazu einen Gesetzentwurf Disclaimer vor.

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