Leserbrief zu
„SPD und Union gegen Sterbehilfe“, Süddeutsche Zeitung vom 1.12.2000

Irene Nickel

Zur Diskussion über
das Gesetz zur Sterbehilfe in den Niederlanden

Die Entscheidung darüber, ob ein Mensch weiterleben dürfe oder getötet werde, stehe dem Arzt nicht zu – mit diesem Kommentar zum niederländischen Sterbehilfe-Gesetz stellt Bundesjustizministerin Frau Däubler-Gmelin die Tatsachen auf den Kopf. Selbstverständlich darf jeder Mensch leben, auch nach dem neuen niederländischen Gesetz. In diesem Gesetz geht es um etwas völlig Anderes: ob ein Mensch sterben darf oder leben muss, wenn er zu hilflos ist, um seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Ob er leben muss, auch wenn ihm sein Leben längst zu einer sinnlosen Last geworden ist, ja sogar dann, wenn er unter unerträglichen Schmerzen leidet. Wo Menschen gegen ihren erklärten Willen ein solches Leben aufgezwungen wird, da werden die Gebote der Menschlichkeit ebenso verletzt wie die Würde dieser leidenden Menschen.

Aktive Sterbehilfe zu erlauben, sei ein „schlimmer Tabubruch“, sagte Frau Däubler-Gmelin. Ein viel schlimmerer Tabubruch ist das, was in Deutschland in einem fort geschieht und sogar gesetzlich festgeschrieben ist: Die kategorische Verweigerung von Sterbehilfe verletzt jenes Tabu, das aus gutem Grund am Anfang unseres Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Ärztliches Wirken sei auf Helfen ausgerichtet und nicht auf Töten, meinte Frau Däubler-Gmelin. Ich meine, ärztliches Wirken sollte konsequent auf Helfen ausgerichtet sein: nicht nur auf Hilfe zum Leben, sondern auch, wo dies dem dringenden Wunsche eines leidenden Menschen entspricht, auf Hilfe zum Sterben. Gerade dann, wenn ein Mensch in einer so verzweifelten Lage ist, sollte der Arzt nicht seine Hilfe verweigern.

Keinem Menschen sei die endgültige Entscheidung über seinen Tod zuzumuten, meinte der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises von CDU und CSU, Jochen Borchert. Herr Borchert sollte es doch bitte den betroffenen Menschen selbst überlassen, was sie sich zumuten wollen: ein für sie sinnlos gewordenes Leben, vielleicht sogar unerträgliche Schmerzen, oder die Entscheidung über einen selbstbestimmten Tod. Das niederländische Gesetz zur Sterbehilfe gibt allen Menschen ihr Recht: denen, die sich dieser Entscheidung stellen wollen, und denen, die ihr ausweichen wollen. Ein solches Gesetz sollte es auch in Deutschland geben.

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