Verzeichnis Religionskritik

Leserbrief zu
   „Vater will wegen Tischgebets klagen“,
   Frankfurter Rundschau vom 30.10.2002,
sowie
   „Christlich-kultische Handlungen auf dem Prüfstand“
   bzw.
   „Tischgebete auf dem Prüfstand“,
   Frankfurter Rundschau vom 6.11.2002
veröffentlicht am 25.11.2002 (vollständig)

Irene Nickel

Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden

Jedoch:
Tischgebete im Kindergarten,
Schul-Weihnachtsfeiern in der Kirche ...

Achtung der Menschenrechte ist in Deutschland leider nicht selbstverständlich. Insbesondere, wenn es um die Religionsfreiheit geht und um das Recht der Eltern, über die religiöse Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen, bis diese sich ihr eigenes Urteil bilden können.

Das habe ich auch schon erfahren müssen. Eines Tages kam mein geistig behinderter kleiner Sohn nach Hause und fragte mich bittend: „Mama, darf ich da hin?“ Er wollte zu einer Weihnachtsfeier, die von seiner Sonderschule als Gottesdienst in einer Kirche geplant war. Wie hätte ich Nein sagen sollen, nachdem in der Schule erfolgreich Vorfreude geschürt worden war? Ich brachte es nicht übers Herz, den kleinen Kerl zu enttäuschen und einer Situation auszusetzen, in der er als einziger von einer Schulfeier ausgeschlossen wäre. Die Sorge um das Wohlergehen meines Kindes machte mich wehrlos gegen den rechtswidrigen Eingriff in meine Elternrechte.

Glücklicherweise nur für dieses eine Mal. Ich brauchte nicht vor Gericht zu ziehen, um für die Zukunft meine Rechte zu wahren. Zum einen zeigten die Lehrkräfte sich einsichtig, als ich ihnen das Problem erklärte. Zum anderen hat der Gottesdienst meinem Sohn so wenig gefallen, dass er fortan lieber in der Schule bleiben und Rechenaufgaben lösen wollte.

Eine solche Lösung ist möglich, wo es vor allem Gedankenlosigkeit ist, die Kindergärtnerinnen oder Lehrkräfte zu unerwünschter Einmischung in die religiöse Erziehung von Kindern verleitet. In Wommelshausen aber setzen sich Bürgermeister und Kommune bewusst über die Grundrechte eines Vaters hinweg. Als würde für sie nicht gelten, dass nach dem Grundgesetz Religionsfreiheit herrschen soll (Artikel 4) und die Erziehung der Kinder „das natürliche Recht der Eltern“ sein soll (Artikel 6).

Der Bürgermeister soll gemeint haben, „Glaube müsse in allen Lebensbereichen gelebt werden“. Dem ist entgegenzuhalten: Erstens muss Glaube nicht gelebt werden, er darf gelebt werden. Und zweitens darf er das nur insoweit, als dabei nicht die Rechte anderer Menschen verletzt werden. So hat niemand ein Recht, unerbetenen Einfluss auf die religiöse Erziehung von Kindern anderer Leute zu nehmen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau erklärte, Kinder müssten im Tischgebet „die Dankbarkeit für das tägliche Brot lernen können“, um „später auch ein soziales Bewusstsein entwickeln (zu) können“. Das mag sie behaupten, aber einiges spricht für das Gegenteil. Um sich in Dankesbezeigungen zu ergehen, weil man selbst zu essen hat, während anderswo Menschen verhungern, braucht man schon einen gehörigen Mangel an sozialem Bewusstsein. Um einen Gott liebenswert zu finden, der angeblich allmächtig ist und logischerweise allen Menschen genug zu essen geben könnte, der aber tatenlos beim Verhungern zusieht, muss man entweder gedankenlos oder ebenso gleichgültig sein.

Im „Erziehungskonzept“ des Wommelshausener Kindergartens heißt es, die christliche Religion sei „Teil unserer abendländischen Kultur“. Teil unserer abendländischen Kultur sind aber auch die Menschenrechte und unser Grundgesetz. Eine lebendige Kultur hält nicht starr am Althergebrachten fest, sondern strebt nach Fortentwicklung und Stärkung derjenigen Werte, die Wertschätzung verdienen. Wertschätzung verdienen zweifellos die Menschenrechte und unser Grundgesetz, das die Menschenrechte bestätigt und als Grundrechte bekräftigt.

Es ist an der Zeit, dass die Verantwortlichen für Kindergärten und Schulen lernen, die Religionsfreiheit zu achten sowie das Elternrecht, die religiöse bzw. religionsfreie Erziehung ihrer Kinder in deren jungen Jahren zu bestimmen. Sie müssen lernen, ihrer Pflicht nachzukommen, die Abläufe in Kindergärten und Schulen so zu gestalten, dass alle Eltern ihre Kinder gern teilnehmen lassen können, ohne Furcht vor unerwünschten Eingriffen in ihre Erziehungsrechte.

Und sie müssen lernen, dass selbst eine Mehrheit von 90 Prozent kein Recht hat, sich über die Rechte von Minderheiten hinwegzusetzen. Wie Rosa Luxemburg richtig sagte: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

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