Verzeichnis Religionskritik


Aus Anlass des Kruzifix-Urteils 1995
Leserbrief an die Frankfurter Rundschau (nicht veröffentlicht)

Irene Nickel

Welche Werte sollen maßgeblich sein?

Der Streit um das Kruzifix-Urteil gibt Anlass zur Diskussion, welches Wertesystem bei uns gelten sollte.

Im Abendland stehen zwei Wertesysteme in hohem Ansehen. Da ist das christlich-biblische Wertesystem, das sich auf göttliche Offenbarung beruft und seine Verhaltensregeln der Bibel entnimmt. Und da ist das Wertesystem der Aufklärung, das sich auf Vernunft und Humanität beruft und seine Verhaltensregeln in der Erklärung der Menschenrechte niedergelegt hat.

Beide Wertesysteme, so versichern Christen heute gern, würden vorzüglich harmonieren. Nun ist es aber doch zum Konflikt zwischen Vertretern beider Wertesysteme gekommen. Dass es dabei um Religionsausübung geht, verwundert nicht. Denn gerade zur Religionsausübung nehmen beide Systeme sehr unterschiedlich Stellung.

Die 10 Gebote der Bibel werden angeführt vom 1. Gebot; es gebietet die Ausübung einer bestimmten Religion, und es verbietet die Ausübung jeder anderen Religion. Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit dagegen besagt, dass niemandem die Ausübung einer Religion geboten oder verboten werden darf.

Glücklicherweise fanden die Menschenrechte weitgehend Eingang in unser Grundgesetz. Die Religionsfreiheit wird in Artikel 4 für unverletzlich erklärt; ihrem Schutze dient u. a. Artikel 3 mit dem Verbot, jemanden wegen seiner religiösen Anschauungen zu benachteiligen oder zu bevorzugen.

Die Verkündung des Grundgesetzes war ein guter Anfang. Aber der Eifer, diese Grundrechte in gesellschaftliche Praxis umzusetzen, ließ zu wünschen übrig. Nur wenige Menschen in Deutschland dachten ernsthaft darüber nach, was Religionsfreiheit bedeutet und wie sie verwirklicht wird.

Von Amts wegen taten das die Bundesverfassungsrichter. In einer Entscheidung vom 14.12.1965 erkannten sie die Verpflichtung des Staates als Heimstatt aller Staatsbürger zu „weltanschaulich-religiöser Neutralität“ an. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die zuständigen bayerischen Politiker und Behörden erkennen können, dass ihre Schulordnung gegen ein Verfassungsgebot verstößt, wenn sie die Anbringung eines Kruzifixes, also des Symbols einer bestimmten Religion, in staatlichen Volksschulklassen vorschreibt.

Aber das kümmerte gewisse Bayern ebenso wenig wie ein Verfassungsgebot, das schon seit 1949 im Grundgesetz zu lesen ist: „Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen ... gezwungen werden“ (aus Artikel 136 der Weimarer Verfassung, der nach Artikel 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes ist). Dies Verfassungsgebot gehört ebenso unverzichtbar zum Menschenrecht auf Religionsfreiheit wie das Recht, sich zur Religionsausübung zu versammeln. Daraus folgt, dass Formen der Religionsausübung, die einem Raume oder einer Veranstaltung ihr Gepräge geben, dort fehl am Platze sind, wo es für Andersdenkende keine Ausweichmöglichkeiten gibt.

Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass Gläubige sich zur Religionsausübung versammeln können, wann und wo es ihnen gerade passt. Wohl kaum ein Christ in Deutschland käme auf die Idee, er dürfte in einer Privatwohnung ein Kruzifix aufhängen, ohne die Bewohner um Erlaubnis zu fragen. Wenn die Erlaubnis verweigert würde, dann würde wohl kaum jemand darauf verfallen, die Bewohner „intolerant“ zu schimpfen oder sie gar mit den Nazis zu vergleichen. Selbst wenn ein einzelner Bewohner Dutzenden von Gläubigen die Erlaubnis verweigerte, würde man ihm wohl kaum vorhalten, „die Mehrheit dürfe nicht von der Minderheit vergewaltigt werden“ (Äußerung des Trierer Bischofs Hermann Josef Spital laut Frankfurter Rundschau vom 12.8.95). Das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Grundgesetz Artikel 13) wird bei uns in Ehren gehalten. Das ist gut so. Schön wäre es, wenn das Recht auf Religionsfreiheit ebenso in Ehren gehalten und ebenso selbstverständlich geachtet würde.

Nun sagte der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Johann Friedrich Henschel, dass die religiösen Symbole hängen bleiben könnten, wo Eltern, Lehrer und Schüler dies einheitlich wünschten (Frankfurter Rundschau vom 12.8.95). Am Bundesverfassungsgericht wurde vorgeschlagen, die Kultusverwaltung könne einvernehmliche Entscheidungen von Schülern, Eltern und Lehrern in den Klassen anregen (Frankfurter Rundschau vom 15.8.95). Das könnte ein sehr guter Vorschlag sein, wenn ein Nein zum Kruzifix selbstverständlich akzeptiert und nicht übelgenommen würde. Leider sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Wir mussten sehen, dass Menschen, die konsequent „nein“ zum Kruzifix sagten, angefeindet wurden, mit den Nazis verglichen wurden, Morddrohungen erhielten. Unter diesen Umständen werden die wenigsten Eltern den Mut aufbringen, die Zustimmung zum Kruzifix zu verweigern; die meisten werden sich zur Zustimmung genötigt fühlen. So wird ein eben verkündetes Bürgerrecht durch fanatische Christen praktisch außer Kraft gesetzt. Das kann doch nicht der Sinn der Sache sein!

Je größer die Intoleranz in einer Gesellschaft, um so wichtiger wird die Vermeidung von Situationen, in denen einem Andersdenkenden nur die Wahl bleibt, entweder auf seine Rechte zu verzichten oder sich zur Zielscheibe von Feindseligkeiten zu machen. Um so wichtiger wird eine strikte Garantie für das Recht: „Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren.“ (aus Artikel 136 der Weimarer Verfassung, der nach Artikel 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes ist). Dies Recht muß auch für Menschen gelten, die kein Kruzifix in Unterrichtsräumen wollen. Ihr Recht wird aber schon dadurch eingeschränkt, dass sie das Nichtvorhandensein des Kruzifixes ausdrücklich fordern müssen; denn damit offenbaren sie ihre Distanz zu den religiösen Überzeugungen vieler Christen. Erst recht eingeschränkt wäre ihr Recht, wenn sie „nachvollziehbar begründen“ müssten, „warum sie sich durchs Kruzifix
in ihrer Glaubensfreiheit gestört fühlen“, wie eine Bemerkung von Bundesverfassungsgericht-Vizepräsident Henschel fürchten lässt (Frankfurter Rundschau vom 12.8.95). Eine „nachvollziehbare Begründung“ dürfte kaum möglich sein, ohne wesentliche Elemente der religiösen Überzeugungen zu offenbaren. Es darf nicht sein, dass das Recht auf kruzifixfreie Unterrichtsräume erkauft werden muss mit dem Verzicht auf das Recht, seine religiöse Überzeugung für sich zu behalten. Es gibt nur eine Möglichkeit, beide Rechte zu gewährleisten: ein striktes Verbot von Kruzifixen in den Unterrichtsräumen staatlicher Pflichtschulen, wie es der Leitsatz des Bundesverfassungsgerichtsurteils nahe legte. Es ist sehr zu bedauern, dass das Bundesverfassungsgericht den Leitsatz nicht in dieser Auslegung bekräftigt hat.

Symptomatisch für die geistige Situation hierzulande ist die Häufigkeit, in der die Abkehr vom Kreuz mit „Wertezerfall“ in Verbindung gebracht wird. Als wäre Religion die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich an Werten orientieren. Dabei haben wir längst ein Wertesystem weltlichen Ursprungs, an dem wir uns orientieren können: die Menschenrechte.

Je eindeutiger wir uns an den Menschenrechten orientieren, um so mehr haben wir zu gewinnen. Erst die Menschenrechte machen die Freiheit, den eigenen Überzeugungen entsprechend zu leben, zum Allgemeingut für alle Menschen. In traditionellen Wertesystemen ist diese Freiheit regelmäßig ein Privileg für die Anhänger der herrschenden Meinung.

Das gilt in besonderem Maße für das Wertesystem der Bibel. In ihrem fanatischen Eifer gegen religiöse Abweichungen geht die Bibel über Leichen. Sie enthält zahlreiche Aufforderungen zum Mord: an „Hexen“ (Exodus = 2. Mose 22, 17), an Homosexuellen (Levitikus = 3. Mose 20, 13), vor allem aber an Menschen, die zu religiösen Abweichungen verführen könnten, sogar an nächsten Verwandten (Deuteronomium = 5. Mose 13, 7-11) und an ganzen Städten (Deuteronomium = 5. Mose 20, 10-18). Im Neuen Testament hüllte sich die Gesinnung, nach der religiöser Unglaube und „Ungehorsam“ Strafe und ewiges Verderben verdienten, in Prophezeiungen von Taten Jesu am Jüngsten Tage (z. B. 2. Thess. 1, 7-9). Zur Blütezeit christlicher Macht kam es wieder zu Gräueltaten von Menschenhand: zu Kreuzzügen, Glaubenskriegen, Pogromen, Massakern, zur Inquisition und zum Hexenwahn. Wenn die Täter in der Bibel nach „Rechtfertigungen“ suchten, dann fanden sie Aufforderungen und Vorbilder genug. In den Menschenrechten sind derlei „Rechtfertigungen“ nicht zu finden. Die Menschenrechte verbieten eindeutig jeden Mord.

Das Kreuz ist ein Zeichen, das auf den christlichen Glauben hinweist. So viel ist klar. Unklar ist jedoch, wie christlicher Glaube zu verstehen ist. In der biblischen Verkündigung findet sich tätige Nächstenliebe ebenso wie blutige Intoleranz, und beides ist von zahlreichen Christen zum Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns gemacht worden. Die meisten Christen haben eine entschiedene Meinung darüber, welche Auslegung des christlichen Glaubens „die richtige“ sei. Sie neigen dazu, diese Auslegung mit dem christlichen Glauben schlechthin gleichzusetzen. Andere Auslegungen werden als irrelevant abgetan. So verlieren Christen einiges aus dem Blickfeld, was Andersdenkende stören könnte. Zum Beispiel die Tatsache, dass das Kreuz nach vielen Jahrhunderten Christentum nicht nur für die Nächstenliebe steht, sondern auch für Grausamkeit und Blutvergießen.

Unverständnis gegenüber Eltern, die auf kruzifixfreien Unterrichtsräumen für ihre Kinder bestehen, kam vielfach zum Ausdruck. In der Frankfurter Rundschau vom 19.8.95 wurde der Kläger Ernst Seler als „verschrobener Einzelgänger“ und als „Außenseiter mit querulatorischen Neigungen“ beschimpft. Es ist nicht weit vom Unverständnis zu herabsetzenden Äußerungen.

Kruzifix-Befürworter scheinen nicht einmal zu begreifen, welch grauenhaften Vorgang das Kruzifix darstellt: ein Mensch wird auf qualvolle Weise zu Tode gefoltert. Ihnen scheint jedes Verständnis dafür zu fehlen, wie erschreckend das auf ein mitfühlendes Kind wirken muss. Das muss daran liegen, dass die Kruzifix-Befürworter selbst nicht mehr erschrecken; dass sie kein Mitgefühl empfinden für den leidenden Menschen am Kreuz. Diese Abstumpfung ist die natürliche Folge einer Erziehung, bei der Kinder regelrecht darauf trainiert werden, Bilder von leidenden Menschen zu sehen und ungerührt weiter zu spielen, zu lernen oder fröhliche Lieder zu singen. Wir sollten uns freuen, dass es Eltern gibt, die für einen behutsameren Umgang mit den Gefühlen ihrer Kinder eintreten.

Das Kruzifix wird nicht erfreulicher, wenn es im Lichte biblischer Theologie betrachtet wird. Danach soll Gott gewollt und veranlasst haben, dass ein Unschuldiger, noch dazu sein eigener Sohn, zu Tode gefoltert wurde. Welche Grausamkeit! Und welch schreiendes Unrecht! Aber christliche Lehre spricht von „Gottes Gerechtigkeit“ (Römer 3, 25). Wer einen solchen Gott verehrt, lernt, Grausamkeit zu bewundern. Wer sich solche Lehren zu eigen macht, lernt, Unrecht für Recht zu halten. Er kann nicht lernen, Grausamkeit und Unrecht konsequent zu verabscheuen. Die biblische Kreuzestheologie führt zur Verkehrung zentraler menschlicher Werte.

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Ergänzt wurden die Bezeichnungen der Bücher Mose,
wie sie in der – vor allem in der Katholischen Kirche verbreiteten – Einheitsübersetzung verwendet werden.
 

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Mehr zur beklagenswerten Qualität des biblisch-christlichen Wertesystems
unter
Die Bibel – ein inhumanes Buch
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