Leserbrief
zum „Bündnis für Erziehung“ 1,
„Kein Geld, keine Ideen“, Frankfurter Rundschau vom 22.4.2006,
veröffentlicht am 26.4.2006
(leicht gekürzt; nicht angedruckter Text in
blauer Schrift)

Irene Nickel

„Bündnis für Erziehung“
ein Angriff auf die
Religionsfreiheit

Besinnung auf „christliche Werte“ – was dabei herauskommen kann? Im günstigsten Fall ein Etikettenschwindel: Das Christentum wird mit den Federn der Aufklärung geschmückt, Werte wie Toleranz und Achtung der Menschenrechte werden zu „christlichen“ Werten erklärt. Als hätte es den kirchlichen Widerstand gegen die Einführung der Menschenrechte nie gegeben. Und nie all die christliche Intoleranz, die Glaubenskriege, die Inquisition und den Hexenwahn, durch die Millionen von Menschen ums Leben kamen.

Ein falsches Etikett wäre ärgerlich, jedoch Schlimmeres ist zu befürchten: Ein Verlust von wesentlichen Inhalten droht, wenn die Menschenrechte, wie sie im Grundrechtskatalog unseres Grundgesetzes ihren Niederschlag gefunden haben, ersetzt würden durch jene ausgehöhlte Version der Menschenrechte, wie sie vom „Bündnis für Erziehung“ der CDU-Ministerin von der Leyen mit den Kirchen angestrebt wird.

Der CDU-Ministerin fehlt es an Respekt vor den grundlegenden Werten unserer Verfassung. Vor dem Recht auf Religionsfreiheit, wie es in Artikel 4 GG verankert ist, und vor dem daraus resultierenden Gebot der weltanschaulich-religiösen Neutralität des Staates. Ebenso fehlt es ihr an Respekt vor dem Erziehungsrecht der Eltern, vor ihrem Recht, die religiöse oder nichtreligiöse Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen, bis die Kinder selbst darüber entscheiden können.

Kindergartenkinder hätten „ein Recht auf religiöse Orientierung“, heißt es im „Bündnis für Erziehung“. Nein! Kinder brauchen keine Religion, wenn sie Menschen haben, von denen sie geliebt werden. Und Kinder haben ein Recht auf Schutz vor so frühen staatlichen Eingriffen in ihre religiöse Erziehung. Sie haben keinen Gewinn davon, wenn sie schon im Kindergartenalter in religiöse Meinungsverschiedenheiten zwischen Eltern und staatlichen Besserwissern hineingezogen werden. Sie haben einen Gewinn von Eltern, die sich ihrer Verantwortung für eine möglichst gute Erziehung ihrer Kinder bewusst sind. Die sich auch in Fragen der religiösen Erziehung Gedanken machen, welche Entscheidung die beste ist, und nicht einfach nachbeten, was sie in ihrer Kindheit zu hören bekamen.

Die Kirchen, die sich die CDU-Ministerin als Bündnispartner ausgesucht hat, werden sicher kein Korrektiv bilden zu ihrer mangelnden Achtung vor den Grundwerten unserer Verfassung. Seit Jahrzehnten praktizieren die Kirchen die Diskriminierung von nichtchristlichen Beschäftigten und Arbeitssuchenden in ihren Krankenhäusern und Altenheimen, in ihren Kindergärten und Beratungsstellen. In jüngster Zeit haben sie die „religiösen Gefühle“ von einigen leicht erregbaren Zeitgenossen als vermeintliche Rechtfertigung entdeckt, um gegen die Meinungsfreiheit zu Felde zu ziehen.

Es macht Hoffnung, dass Frau von der Leyens Bündnis gegen Menschenrechte und Freiheiten nicht ohne Widerspruch hingenommen wird.

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1 Im April 2006 schloss Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU)
ein „Bündnis für Erziehung“ mit den beiden christlichen Kirchen:
für eine „wertebezogene Erziehung“,
vor allem für größere Bedeutung der Religion in Kindertagesstätten.

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URL: http://irenenickelpolitik.beepworld.de/wertegg.htm


   

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